Freitag, 03. Februar 2023
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Zum Abschied flossen ein paar Tränen

Zum Abschied flossen ein paar Tränen
Das Schreibwarengeschäft „Schreiben & Malen“ in der Berliner Straße ist seit dem 31. Dezember Geschichte. (Foto: fle)

Tegel – „Im Oktober waren es genau 30 Jahre, in denen mein Team und ich für Sie immer mit Rat, Tat, viel Papier und Stiften vor Ort waren, aber die Kraft lässt nach!“, postete Geschäftsinhaberin Silvia Buchholz in den sozialen Medien. Das war für viele Reinickendorfer ein regelrechter Schock. Schließlich gibt es an dieser Stelle schon nahezu seit 100 Jahren einen Schreibwarenladen. Hier befand sich das Geschäft von Paul Esser und seiner Ehefrau Martha für Zeichen- und Litho, später der Schreibwarenladen Schünemann und des RNK-Verlags.

Silvia Buchholz begann ihre Arbeit in der Berliner Straße 1993 als Angestellte im Schreibwarengeschäft. Doch nach zehn Jahren bot ihr der Chef an, den Laden zu kaufen. „Ich habe sofort zugegriffen und mich im Alter von 42 Jahren selbstständig gemacht“, erinnert sie sich. „Eigentlich hatte ich in einem Spielwarengeschäft gelernt, dann jedoch in einem Geschäft angefangen zu arbeiten, wo es Spiel- und Schreibwaren gab“, erinnert sie sich.

Das Geschäft in der Berliner Straße wurde quasi ihr zweites Zuhause, und im Laufe der Jahre gab es viele Stammkunden. „Es war so ein Prozess“, sagt sie, „erst habe ich die Kunden kennengelernt, dann deren Kinder und später ihre Enkelkinder.“ Das Besondere seien die persönlichen Kontakte gewesen. „Unsere Stammkunden wussten, dass sie hier Materialien kaufen konnten, die sie sonst nicht fanden, auch deshalb kamen sie immer wieder“, fügt sie hinzu. Es sei fast schon familiär gewesen – es fehlte nur noch der Kaffee. „Man wusste viel Privates von den Kunden und umgekehrt sie auch von mir“, sagt sie.

Das Sortiment änderte sich – weg von Malsachen hin zu einem reinen Schreibwarenladen inklusive Bürobedarf. Läden verschwanden und neue öffneten, doch das Geschäft von Silvia Buchholz und ihren zwei Mitarbeiterinnen blieb.

Dann kam Corona und eine schwierige Zeit begann. „Ich durfte weiterhin öffnen, aber vielen war das nicht bekannt“, sagt die Reinickendorferin. Dennoch habe sie durchgehalten. Doch auch heute ist es schwer: „Alles wird teurer, nicht nur Heiz- und Lebenshaltungskosten, sondern auch die Papierpreise sind in die Höhe geschossen, allein im Januar 2022 sind sie um 30 Prozent gestiegen – und dann habe ich mich entschieden: Nun ist Schluss!“ Jahrein, jahraus fünfeinhalb Tage pro Woche im Geschäft zu stehen, war kräftezehrend. Einige Kunden hätten die Inhaberin beim Abschied fest umarmt, andere sogar ein paar Tränen vergossen. „Aber ich kann allen nur sagen, dass ich keine schlimme Krankheit habe und auch keine Mieterhöhung erhalten habe oder ähnliches. Ich habe einfach nicht mehr die Kraft für diesen Full-Time-Job“, erklärt sie mit ihrer tiefen, rauen Stimme.

Die Zukunft des Tegeler Geschäfts ist ungewiss, die von Silvia Buchholz aber nicht: „Für mich beginnt nun ein neuer Lebensabschnitt mit mehr Zeit für mich und meine Familie.“ Ganz aufhören mit der Arbeit wird sie jedoch nicht: „Ich werde im Schreibwarengeschäft am Zeltinger Platz 11 anfangen – mit weniger Stunden, aber weiterhin mit Leidenschaft“, freut sie sich und fügt hinzu: „Ich bedanke mich bei meinen Kunden und meinem Vermieter, sie haben mich über Jahrzehnte unterstützt. Vielleicht treffe ich den einen oder anderen in Frohnau wieder. Es würde mich freuen.“

fle

Eigentümerin Silvia Buchholz in ihrem Laden (Foto: fle)

Gefundene Standorte im Beitrag | Berlin, Reinickendorf