Freitag, 09. Dezember 2022
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Neues von der „Schwarzwaldsiedlung“

Neues von der „Schwarzwaldsiedlung“
Julia Rabensdorf und Felix Bergemann (im Hintergrund ein Gebäude von Hans Scharoun) Foto: bs

Waidmannslust – „Ich bin hier nie richtig weggekommen“, sagt Felix Bergemann, Leiter des Quartiersmanagements Titiseestraße. Aufgewachsen ist er im nahen Märkischen Viertel. Nach seinem Sozialpädagogikstudium kümmert er sich jetzt um die Verbesserung der Lebenssituation in der Rollbergesiedlung, die ältere Bewohner wegen der Straßennamen auch Schwarzwaldsiedlung nennen.

Der Kiez ist, genau wie das südlich gelegene Märkische Viertel, Ende der 60er Jahre gebaut worden und war 1972 fertig. Heute leben in den 2.500 Wohnungen etwa 5.500 Menschen.

Die beiden bekanntesten Gebäude sind von dem Architekten Hans Scharoun gebaut worden und stehen unter Denkmalschutz. Das macht die Lebensbedingungen in dieser Hochhaussiedlung aber nicht besser. Bergemann zählt drei Bewohnergruppen auf. In den siebziger und achtziger Jahren zogen viele Mieter aus veralteten Wohnungen in Kreuzberg und Wedding in die grüne Stadtrandlage, die ihren modernen Wohnansprüchen besser genügte. Etliche dieser Bewohner leben heute noch in der Siedlung. Mehr als 10 Prozent der Älteren sind von Altersarmut betroffen.

„Wir müssen für alle mitdenken“

Dann kamen die Flüchtlingswellen, die dazu führten, dass jetzt 52 Prozent der Bewohner einen Migrationshintergrund haben. Die dritte Bevölkerungsgruppe sind die vielen Kinder, von denen 66 Prozent in Kinderarmut leben. Bergemann sagt: „Wir müssen für alle mitdenken.“ 2019 wurde das Viertel „rekommunalisiert“, nachdem die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Gewobag die Häuser von einem Privatunternehmen gekauft hatte. 2021 hat die Gewobag zusammen mit dem Senat und der evangelischen Kirche Reinickendorf ein Quartiersmanagement eingerichtet, das den Menschen Hilfe anbietet.

Julia Rabensdorf ist bei der Gewobag Quartierskoordinatorin und hebt die Beratungsfunktion des Quartiersmanagements hervor. 2022 standen drei Projekte im Vordergrund. Um die Kinder und Jugendlichen besser zu verstehen, wurde die Befragungsaktion „Sag mal“ durchgeführt. Als gerade die Sprache auf das zweite Projekt der Ernährungsberatung kommt, läuft ein schmaler Fuchs auf der Suche nach Nahrung direkt am Fenster des Büros auf dem Gehweg entlang. „Unser Quartiersfuchs“, sagt Bergemann und fährt fort, dass viele Kinder im Viertel unter „Adipositas“ leiden, was Fettleibigkeit bedeutet. Viele Eltern hätten „nicht gelernt, was gut für meinen Körper ist“ und könnten diese Kenntnisse so auch nicht an ihre Kinder weitergeben. Er sieht einen Zusammenhang zwischen Armut und Ernährung.

Es gibt großen Beratungsbedarf

Das dritte Projekt im vergangenen Jahr richtete sich speziell an Flüchtlinge mit seelischen Verletzungen. „Viele schleppen ein Trauma von der Flucht durch ihr Leben“, erläutert Bergemann nachdenklich. Ihnen müsse geholfen werden, einen Therapieplatz zu finden. Das dauere häufig bis zu 1,5 Jahren.

Der Quartiersmanager sieht auch bei anderen Themen einen großen Beratungsbedarf, Bewohnern bei dem Umgang mit dem deutschen Sozialstaat zur Seite zu stehen. „Wir versuchen, das bekannt zu machen, was es schon gibt.“

Das Quartiersmanage­ment bietet aber auch Sportinitiativen in Zusammenarbeit mit dem TSV Wittenau an, organisierte im September ein Kiezfest für 200 Gäste und feierte mit 250 Kindern den „Tag der kleinen Bauprofis“. Die durften sich als Maurer, Dachdecker und Maler unter professioneller Anleitung ausprobieren. Zwei Wandgemälde sind auch schon unter Mitwirkung von Bewohnern entstanden. 2023 sollen neue hinzukommen.

Dem Quartiersmana­gement stehen jährlich 310.000 Euro zur Verfügung, über dessen Verwendung der Quartiersrat entscheidet. Ihm gehören neun Bewohner und acht „Akteure“ an, wie Rabensdorf erklärt. Er tagt alles zwei Monate. bs

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