Donnerstag, 01. Dezember 2022
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Die Opfer waren Nachbarn

Die Opfer waren Nachbarn
Stolpersteine vor dem Haus am Eichborndamm 84 Foto: bod

„Man stolpert mit dem Kopf und mit dem Herzen“, beschreibt der Künstler Gunter Demnig die gewünschte Wirkung seiner Stolpersteine – zehn mal zehn Zentimeter messende Betonquader mit einer Messingtafel. Die eingravierten Daten erinnern an NS-Opfer, die in dem Haus gelebt oder gearbeitet haben, vor dem die Steine in den Bürgersteig eingelassen sind. Als Demnig vor genau 30 Jahren, am 16. Dezember 1992, seine ungenehmigte Aktion in Köln startete, konnte niemand voraussehen, dass aus dem eigenwilligen Unterfangen einmal das „größte dezentrale Mahnmal der Welt“ werden sollte. Vier Jahre später erreichte das Projekt auch Berlin, wo die ersten Stolpersteine in der Oranienstraße noch ohne behördliche Genehmigung verlegt wurden. Seit 2006 werden die Quader im Norden der Stadt im Künstlerhof Buch hergestellt.

Gleich drei Stolpersteine, die vor zehn Jahren vor dem Haus am Eichborndamm 84 verlegt wurden, erinnern an das traurige Schicksal einer jüdischen Familie. Der Klempnermeister Ludwig Sabat, dem das Haus gehörte, kam am 15. August 1878 in Wien zur Welt. Gemeinsam mit seiner Frau Margarete, geb. Rosenbaum hatte er zwei Töchter: Frieda wurde am 28. Januar 1909 in Berlin geboren und zehn Jahre später Charlotte Margarete. 1925 machte sich Ludwig Sabat selbständig, nachdem er im Jahr zuvor seine Meisterprüfung abgelegt hatte. In der damaligen Eichbornstraße 40, die erst später zum Damm wurde, kaufte sich die Familie 1932 ein Haus, in das sie mitsamt dem Betrieb umzog. Bereits vier Jahre später wurde die Immobilie wieder veräußert und eine neue in der Eichbornstraße 84 erworben. Im Haus lebte auch die mittlerweile erwachsene Frieda mit ihrem Mann Walter Antonius, einem Autoschlosser, der vor 110 Jahren, am 14. November 1912, in Berlin zur Welt kam. In der Bleilöterei seines Schwiegervaters waren über ein Dutzend Angestellte tätig. Im April 1939 zwangen die NS-Behörden Ludwig Sabat zum Verkauf seines Betriebs. Der neunzehnjährigen Tochter Charlotte Margarete gelang es zwei Monte später, nach London zu emigrieren, was ihr das Leben retten sollte.

Frieda war noch bis in den Zweiten Weltkrieg hinein bei den Siemens-Schuckert-Werken tätig, bis sie im Februar 1943 von der Gestapo verhaftet und kurz darauf nach Auschwitz deportiert wurde. Dasselbe Schicksal ereilte ihren Vater vier Monate später, im November wurde der 65-Jährige dort umgebracht. Über die Umstände von Friedas Tod ist nichts weiter bekannt. Ihrem Mann Walter gelang es noch eine Weile, im Untergrund einer Deportation zu entgehen, bevor er im Oktober 1944 von der Gestapo festgenommen wurde. Er kam ebenfalls nach Auschwitz und später ins KZ Buchenwald; seitdem fehlt von ihm jede Spur.

Friedas Mutter überlebte unter falschem Namen die NS-Herrschaft. In der Nachkriegszeit kam sie eine Weile bei ihrer jüngeren Tochter in England unter, kehrte aber wieder nach Berlin zurück, wo sie am 9. Oktober 1951 starb.

Finanziert wird die Stolperstein-Initiative vor allem von Privatpersonen, die jeweils die Kosten von 120 Euro für Herstellung und Verlegung übernehmen. Im Juni des kommenden Jahres beabsichtigt Demnig, den hunderttausendsten Stolperstein zu verlegen, mit dem Ziel „die Namen der Opfer zurück an die Orte ihres Lebens zu bringen“.bod

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