Montag, 28. November 2022
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Machtkampf und Ego-Thema in der CDU

Machtkampf und Ego-Thema in der CDU
Scheut keine Konflikte: der junge und ehrgeizige CDU-Politiker Marc Eric Lehmann Foto: bs

Marc-Eric Lehmann ist ein ehrgeiziger Jung-Politiker. Seit August 2021 steht er dem CDU-Ortsverband Frohnau vor. Er scheut keine Konflikte, auch nicht mit dem mächtigen CDU-Kreisvorsitzenden und ehemaligen Bezirksbürgermeister Frank Balzer. Lehmann mag keine Politiker, die wirtschaftlich auf ihr Mandat und ihre Politikerkarriere angewiesen sind. Er betont im Gespräch mit der RAZ, dass er seine eigene Firma aufbaut, um finanziell unabhängig in der Politik agieren zu können.

Ihrem CDU-Ortsverband ist vom CDU-Kreisverband „chaotisches Mitgliedermanagement“ vorgeworfen worden. Mitgliederbeiträge seien nicht ordentlich eingezogen worden. Es war die Rede davon, dass über die Jahre ein Betrag von knapp 50.000 Euro an Mitgliedsbeiträgen ausstehen würden. Was ist dran an diesen Vorwürfen?

An diesen Vorwürfen ist wenig dran. Diese aus der Luft gegriffene Zahl von 50.000 Euro ist entstanden, indem man meint, man müsse die Rechnung von 2013 bis heute aufmachen. Das ist gar nicht rechtens, da der Gesetzgeber sagt, dass Ansprüche nach ein paar Jahren verjähren. Außerdem ist der Ortsverband keine juristische Person. Das heißt, der Kreisverband hat letztlich die Verantwortung, wenn es um die Mitgliedsbeiträge geht.

Der Kreisverband hat dann auch faktisch die Kassenhoheit an sich gezogen, wollte diese Aufgabe aber wieder an Ihren Ortsverband zurückdelegieren. Ist das passiert?

Die Kasse ist inzwischen tatsächlich an uns zurückgegeben worden. Sie wurde zuvor entzogen mit der Begründung, dass es zu viele ausstehende Beiträge gegeben habe, wodurch ein finanzieller Schaden entstanden sei.

Das ist den zwei CDU-Ortsverbänden Wittenau und Frohnau vorgeworfen worden. Wie ist das in Frohnau abgelaufen?

Als ich den Ortsvorsitz im August 2021 übernommen habe, wollte ich das alles Schritt für Schritt aufarbeiten. Damals hatten wir einen Wahlkampf zu führen, wir gingen in einen weiteren Coronawinter mit großen Ungewissheiten und wollten für das Frühjahr die Woche der CDU in Frohnau vorbereiten. Der Plan war, dass wir nach der Aktionswoche die Mitglieder freundlich anschreiben wollten, bei denen Mitgliedsbeiträge ausstanden.

Und da ist Ihnen der Kreisverband zuvorgekommen?

Ja, da ist uns der Kreisverband zuvorgekommen und hat dann einen Tag nach dem Kassenentzug recht unfreundliche Schreiben verschickt.

Nun war ja schon vor dem Wahlkampf viel Unruhe in der Bezirks-CDU. In diesem Zusammenhang war auch die Rede von einem Machtkampf zwischen den genannten Ortsverbänden und dem Kreisverband. War das so?

Ich denke, ja. Hier in Frohnau zwischen meinem Ortsverband, speziell meiner Person, und dem Kreisvorstand. Aber ich glaube, es war teilweise auch eher ein Ego-Thema zwischen Frank Balzer, seinen Mitstreitern und mir.

Wie wollen Sie das konstruktiv lösen? Wie gehen Sie inzwischen mit Frank Balzer um?

Ich habe bereits mehrfach öffentlich gesagt, dass ich zur Sacharbeit zurückkehren möchte. Das ist und war mein Ziel, auch während der Zeit des Kassenentzugs. Ich wollte, dass wir wieder miteinander reden. Das ist inzwischen gelungen. Ich habe klar gesagt, bevor wieder eine Situation eskaliert, muss zum Hörer gegriffen und miteinander gesprochen werden.

Ist die Situation befriedet?

Die Situation ist insofern befriedet, dass wir wieder die politischen Themen gemeinsam anfassen. Jedoch sind ein paar Fragen offen, die mit dem Kassenentzug zusammenhängen. Die müssen wir noch klären.

Sie sind 25 Jahre jung, gehen keinen Konflikten aus dem Weg und engagieren sich stark in der CDU. Was sind Ihre Zukunftspläne?

Ein großer Wunsch, an dem ich arbeite, ist die finanzielle Unabhängigkeit, bevor ich an eine politische Karriere denke. Ich bin selbständig, habe eine eigene Firma und versuche, die gesund aufzubauen. Wenn das weiterhin so positiv läuft, geht es gern für mich weiter in der Politik. Ob nun ehrenamtlich, wie jetzt im Ortsverband, oder mit einem Mandat.

Seit der vergangenen Wahl stellt die CDU nicht mehr den Bezirksbürgermeister. Wer sollte Ihrer Meinung aufgebaut werden, damit die CDU nach der nächsten Wahl wieder den Bezirksbürgermeister oder die Bezirksbürgermeisterin stellen kann?

Wenn wir zurückschauen, dann war die CDU sehr professionell aufgestellt. Wir hatten Frank Steffel im Bundestag, Katrin Schulze-Berndt war Bezirksstadträtin, Jürn Jakob Schulze-Berndt saß im Abgeordnetenhaus und Tobias Siesmayer als Fraktionsvorsitzender der CDU in der BVV. Das sind alles Persönlichkeiten, die schon viel im Leben erreicht haben, sich mit Herz für den Bezirk einsetzten und während ihrer Zeit in der Politik den Bezug zur Basis nicht verloren hatten. Was ich mir wünsche, ist, dass genau so eine Person sich wieder herauskristallisiert in unserem Kreisverband.

Haben Sie jemanden im Auge?

Ich bin großer Fan von Felix Schönebeck, der sich mit „I love Tegel“ sehr bürgernah einsetzt. Ich halte auch sehr viel von Björn Wohlert aus Wittenau, der eine sehr gute Arbeit im Abgeordnetenhaus leistet und bin auch weiterhin ein Riesenfan von Burkard Dregger, der es leider nicht wieder ins Abgeordnetenhaus geschafft hat.

Sie sind nicht nur Unternehmer und Parteipolitiker, sie sind auch im Vorstand des Christopher Street Day. Wie fühlen Sie sich in dieser Funktion in der CDU aufgehoben?

Auf unserem kürzlich stattgefundenen Bundesparteitag ist die LSU, Lesben und Schwule in der Union, bei der ich auf Landesebene Schatzmeister bin, nun endlich offiziell in die Familie der CDU als Sonderorganisation aufgenommen worden, fast vergleichbar mit Junge Union und Frauen Union. Ich merke, dass die CDU einen großen Schritt nach vorn gegangen ist und die Themen queerer Menschen ernst nimmt. Die CDU sollte sich die Sicherheit queerer Menschen auf die Fahnen schreiben. Wir als Minderheit sollten besonders geschützt werden. Täter und Tätergruppen, die uns angreifen, müssen benannt werden.

Danke für das Gespräch.

Interview Bertram Schwarz

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