Montag, 28. November 2022
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Das Bürgeramt, in dem es um Leben und Tod ging

Das Bürgeramt, in dem es um Leben und Tod ging
Louis Pasteur, Foto: av Paul_Nadar, Crisco

Wer etwas auf dem Bürgeramt in der Teichstraße 65 zu erledigen hat, spürt nicht unbedingt die Geschichte des Hauses, obwohl der Stuck über der Eingangstür einen dezenten Hinweis gibt. Die Schlange um den Kelch der Hygieia, der griechischen Göttin der Gesundheit, ist ein Symbol für den ursprünglich medizinischen Zweck dieses Ortes. 1910 wurde hier das Krankenhaus für die Gemeinde Reinickendorf fertiggestellt, das zudem für Tegel und Wittenau zuständig war. Entwickelt hatte die Anlage mit mehreren Gebäuden das damals noch junge Architektenbüro Moor und Weidner aus Charlottenburg, das auf kommunale Einrichtungen und insbesondere auf Hospitäler spezialisiert war. Auch für die Gestaltung der Innenräume sorgte das Duo; noch heute sind im Foyer die verzierten Wandfliesen zu bewundern.

Ab 1918 hieß es Humboldt-Krankenhaus, bis es in der NS-Zeit nach dem 1935 verstorbenen Arzt Erwin Liek umbenannt wurde. Auch wenn Liek nie in die NSDAP eingetreten ist, bleibt sein geistiges Erbe höchst fragwürdig: In seinen Publikationen kritisierte er die hohen Kosten für die medizinische Pflege von Menschen mit Erbkrankheiten, und gehörte damit zu den Wegbereitern für Euthanasie.

Im Zweiten Weltkrieg wurde auf dem Gelände ein „Operationsbunker“ mit zwölf Räumen gebaut, der notwendige medizinische Eingriffe auch bei Luftangriffen ermöglichen sollte. Der OP-Raum mit den hellgrünen Fliesen steht heute unter Denkmalschutz und ist bei Führungen zu besichtigen. Von ursprünglich 25 Berliner Bunkern dieser Art sind mittlerweile nur noch zwei erhalten.

Nach Ende des Krieges richteten die französischen Streitkräfte 1945 das „Hôpital Militaire Louis Pasteur“ ein, zogen aber 1952 in das Quartier Napoléon. Auf dem Areal der heutigen Julius-Leber-Kaserne hatten die Franzosen ihre eigene „Stadt in der Stadt“ mit Kino, Restaurants, Schwimmbad und Krankenhaus – das 357. hôpital des armées Pasteur.

Der Namenspatron wurde vor 200 Jahren, im Dezember 1822, in der französischen Kleinstadt Dole in Burgund geboren und leistete als Biochemiker und Mikrobiologe einen beachtlichen Beitrag zur Infektologie. In seiner Forschung entwickelte er Impfstoffe gegen Erreger von Tollwut und Milzbrand. Das nach ihm benannte Haltbarmachen flüssiger Lebensmittel durch leichtes Erhitzen entwickelte er ursprünglich für Wein. Das Verfahren des „Pasteurisierens“ wurde erst später von einem deutschen Chemiker auf Milch angewandt. Während einige Kritiker im Ausland Pasteur unsauberes Arbeiten vorwarfen, blieb er in seiner Heimat so populär, dass er in Umfragen zeitweise Napoleon vom Thron als der bedeutendste Franzose stoßen konnte.

Nach sieben Jahren als Militärhospital stand die Einrichtung ab 1952 unter dem alten Namen Humboldt-Krankenhaus wieder der Berliner Bevölkerung zur Verfügung. Mit der Fertigstellung eines Neubaus in Borsigwalde zog es 1985 in die neue Adresse Am Nordgraben. Die historischen Gebäude werden seitdem als Reinickendorfer Bürgeramt und für Sozialeinrichtungen genutzt. Eine Stelle des Jugendamtes ist in einem kleinen Häuschen mit malerisch überwachsenem Wintergarten auf dem park­ähnlichen Gelände untergebracht.

bod

In diesem Gebäude ist der sozialpädagogische Dienst Reinickendorf Ost untergebracht. Foto: bod

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