Samstag, 03. Dezember 2022
Start Titelthema 300 Jahre alte Eiche steht unter Stress

300 Jahre alte Eiche steht unter Stress

300 Jahre alte Eiche steht unter Stress
Foto: bs

Einer der bekanntesten Bäume Berlins oder vielleicht sogar der bekannteste ist die Attraktion der Revierförsterei Tegelsee. Frank Mosch ist Revierförster und verantwortlich für das Wohlergehen der „Dicken Marie“, unter der die Brüder Alexander und Wilhelm von Humboldt spielten. Aber dieser berühmte Baum ist nicht der Lieblingsbaum von Mosch. Unweit seines idyllisch gelegenen Forsthauses im Schwarzen Weg steht eine riesige Eiche, die auch gute 300 Jahre auf ihren Stamm geladen hat. Fast zärtlich schaut Mosch sie an und streicht mit seinen Fingern in die tiefen Risse in der Rinde, die ein perfektes Habitat für Insekten und andere Kleintiere sind.

Auch er hat in seinem Wald mit der Trockenheit der heißen Sommer zu kämpfen. Regelmäßig inspiziert er seine Bäume. Manchmal kommt Mosch nur drei Wochen später wieder an einem Baum vorbei und denkt: „Das gibt’s doch gar nicht“. Die vorher gesunde Rinde pellt ab, weil die Wurzeln nicht mehr genug Wasser aus dem Boden ziehen können. Das alles gehe „so enorm schnell“. Steht ein solcher Baum in einer Zone von 30 bis 40 Metern zum nächsten Weg oder zu einer Straße muss er aus Gründen der „Verkehrssicherheitspflicht“ gefällt werden.

Mosch kontrolliert regelmäßig 50 km Straßenränder, Radwege, Siedlungskanten und S-Bahntrassen in seinem 730 Hektar umfassenden Waldgebiet, ob seine Bäume Trockenschäden zeigen. Gefährlich werden können auch Sturmschäden mit Astausbrüchen oder wenn Ameisen aus dem Wurzelbereich krabbeln und so anzeigen, dass die Holzzersetzung bereits begonnen hat. Nach einer Schulnote für den Zustand seines Waldes gefragt, überlegt Mosch lange und antwortet dann: „Vier“ – um gleich nachzuschieben: „Nein, eher drei bis vier“.

Seinen Wald hält er für den „schönsten von Berlin“. Auch wenn die Trockenheit seinen Schützlingen zu schaffen macht, meint er: „Wir sitzen hier in der Sahne.“ Das bezieht der Förster auf den lehmigen Boden, der Wasser und Nährstoffe besser halten kann. Aber er beobachtet auch, dass seine Bäume „mächtig fruktifizieren“. Das heißt, sie versuchen unter Stress möglichst viele Nachkommen zu zeugen. Das Ergebnis seien überdurchschnittlich viele Eicheln und Kiefernzapfen.

Sein Wald sei allerdings bereits da, wo andere Förster mit dem Umbau zum Mischwald erst noch hinkommen wollen, um den Forst widerstandsfähiger zu machen. Bei ihm stehen 55 Prozent Laubbäume, hauptsächlich Eichen und Buchen, und circa 45 Prozent Kiefern.
Natürlich sieht Mosch die heißen Sommer mit wenig Regen durch den schnellen Klimawandel kritisch, aber er möchte der Natur möglichst breiten Raum geben, sich selbst gegen die widrigen Umstände zu wappnen. Er begrüßt es, wenn sich Ahorn und andere Edellaubhölzer wie Ulme, Linde und Kirsche ansiedeln. Glücklicherweise stehe er mit seiner Revierförsterei Tegelsee unter keinem kommerziellen Druck. Sein Forst sei ein Erholungswald wie alle Berliner Wälder. Holz, das bei Waldpflegemaßnahmen anfalle, werde verkauft. Aber die Berliner Forsten seien auf diese Einnahmen nicht angewiesen, weil sie über den Landeshaushalt voll finanziert seien.

Enttäuschen muss er die vielen Bürger und Bürgerinnen, die in diesen kritischen Zeiten nach Brennholz für den nächsten Winter fragen. Das sei komplett ausverkauft. Er bietet einen „Holzleseschein“ für 10 Euro im Monat an. Mit dem dürften Suchende, auf dem Boden liegende Stämme und Äste bis zu einem Durchmesser von 7 Zentimeter mitnehmen. Ansonsten stehen er und seine Kollegen zu regelmäßigen Telefonsprechstunden bereit, weitere Auskünfte zu geben. Förster Mosch mag Menschen. Das zeigt sich auch beim Gang durch den Wald, als er eine Dame mit dickem Hund anspricht: „Der kann ja kaum noch von Ihrer Seite weichen“, sagt er gutmütig. Das Frauchen antwortet lachend: „Genau!“. Daraufhin Mosch: „Dann leinen Sie ihn doch gleich an – dann freut sich der Förster.“ Freundlicher kann man nicht auf Verbote hinweisen.

bs

Gefundene Standorte im Beitrag | Berlin, Reinickendorf