Dienstag, 04. Oktober 2022
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Havel führt sehr wenig Wasser

Havel führt sehr wenig Wasser
Die Spuren an der Spundwand am Gelände der Segler-Vereinigung Tegel als Beleg: Der Wasserstand ist abgesackt. (Foto: bs)

Reinickendorf ächzt unter der extremen Hitze in diesem Sommer. Jeder, der ein abkühlendes Bad im Tegeler See sucht, sieht wie sehr der Wasserspiegel gesunken ist. Wie wirkt sich das auf unsere Wasserversorgung aus? Die RAZ sprach dazu mit Stephan Natz, Pressesprecher der Berliner Wasserbetriebe.

Wie steht es um den Wasserspiegel des Tegeler Sees?

Der steht und fällt mit der Havel, denn der Tegeler See ist ja eine Havelbucht. Und da die Havel im Moment sehr wenig Wasser nach Berlin bringt, wir ihr aber mit der Uferfiltration der Wasserwerke einiges entnehmen und bei der Hitze auch viel verdunstet, liegen wir aktuell schon rund 24 Zentimeter unter dem Stau-Zielpegel von 31,31 M. ü. NN oberhalb der Spandauer Schleuse. Man kann dagegen begrenzt Dinge tun, etwa die Ströme des gereinigten Abwassers des Klärwerks Schönerlinde mehr in Richtung Tegeler See lenken, und nur noch bei vollen Schleusen schleusen.

Führt denn die Havel noch genug Wasser?

Was ist genug? Die Havel und die Spree sind verglichen mit Rhein oder Donau nicht wirklich Flüsse, sondern eher Flussdarsteller. Sie verdanken ihre Breite den Schleusen und Wehren, die die Rinnsale schiffbar machen und uns vor Hochwasser schützen. Aktuell bringen beide Flüsschen zusammen kaum fünf Kubikmeter Wasser pro Sekunde nach Berlin. Fast das Siebenfache schwemmt die Havel aber in Richtung Potsdam raus. Die Differenz ist das gereinigte Abwasser aus den Klärwerken. Deshalb bauen wir die auch mit Milliardenaufwand zugunsten noch besserer Säuberung aus, weil wir künftig in den Sommern eben den Kreislauf hier bei uns noch enger schließen werden müssen.

Können die 131 Trinkwasserbrunnen rund um den Tegeler See ausreichend Wasser fördern?

Ja, es reicht, aber wir merken an einigen Brunnen schon, dass die Absenktrichter des Grundwassers um diese Brunnen herum aufgrund des sich seit Jahren aufschaukelnden Regendefizits und der immer heißeren Phasen größer und tiefer werden. Das kann man mal ein paar Jahre tolerieren, auf lange Sicht geht das aber nicht.

Ist das Absinken des Grundwasserspiegels ein großes Problem für Reinickendorf und Berlin?

 

Kommt drauf an, wen Sie fragen: Gärtner und Förster beten immer wütender zu Petrus, weil die oberen Bodenschichten staubtrocken sind und unser wichtiges und schönes Grün in echter Gefahr ist. Die Menschen mit den feuchten Kellern finden es dagegen momentan eher gut. Und wir fördern ja unser Wasser aus zumeist 30 bis 50 Meter Tiefe und setzen vor allem auf die Uferfiltration. Solange also Spree und Havel nicht leerlaufen, geht es. Sparen ist aber trotzdem geboten, denn weil sich das Grundwasser regenerieren muss und auch, weil jeder Tropfen Wasser Energie für Aufbereitung, Transport und Reinigung braucht, und noch mehr, wenn er zum Duschen erwärmt wird.

Haben die Berliner sich mit ihrem Wasserverbrauch bereits umgestellt?

Ja, viele haben das. Das ist klasse, denn trotz des Ausnahmewetters sind unsere Förderspitzen aus den Vorjahren in dieser Saison nicht erreicht worden. Zudem bemerken wir eine Zunahme in den Nachtstunden, was offensichtlich heißt, dass Gärtner mit Zeitschaltuhren zu den verdunstungsarmen Zeiten sprengen und damit weniger Wasser brauchen.

Was sind die wichtigsten Tipps für die sparsame Nutzung der Ressource Wasser?

Nie den Hahn unnötig laufen lassen, etwa beim Zähneputzen, Waschmaschinen und Geschirrspüler erst anstellen, wenn sie voll sind, seifenfreies Spülwasser etwa vom Gemüsewaschen ins Grüne gießen und mal den Dreisprung vom Wannenbad zur (kurzen) Dusche und von da auch mal, wie in alten Zeiten, zum Waschlappen am Waschbecken greifen.

Wie ist der Ausblick in die Zukunft?

Wir müssen das knappe Wasser hier in der Region halten. Dafür bauen wir die Klärwerke mit zusätzlichen Reinigungsstufen aus, denn das gereinigte Abwasser stellt ja besonders im Sommer eine wichtige Speisung für Spree und Havel dar, aus denen wir via Uferfiltrat unser Trinkwasser gewinnen. Und wir haben angefangen, Berlin Schwammstadt-gerecht umzugestalten, um den Regen an Ort und Stelle für das Grundwasser und das Stadtgrün zu nutzen. Dazu werden wir für Jahre wie diese Regelungen für den Umgang mit Wasser in unseren Gärten brauchen. Da läuft immer mehr in immer mehr und größere Pools – ein Fass, dessen Boden kaum noch sichtbar ist.

Danke für das Gespräch.

Interview Bertram Schwarz

 

Mann
Stephan Natz (Foto: Berliner Wasserbetriebe)

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