Sonntag, 14. August 2022
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Es hätte so sein können …

Es hätte so sein können …
Neben ihrem Job schreibt Bettina Kerwien leidenschaftlich gerne.

Wittenau – Sie ist Geschäftsführerin eines Stahlbauunternehmens und schreibt in der Freizeit Krimis. Bettina Kerwien sitzt am runden Besprechungstisch ihres Unternehmens in der Nähe des S-Bahnhofes Eichborndamm. Die RAZ-Mitarbeiterin hat eben mit Staunen durch die offenen Tore in die Werkhalle geschaut, wo Menschen allerhand große Maschinen bedienen. „Wir stellen Theatertechnik her, zum Beispiel Drehbühnen“, erläutert die Autorin. Und: „Ja, ich mag Technik sehr“, beantwortet sie die entsprechende Frage.

Auch in „Tiergarten Blues“ kommt etwas Technik vor, zum Beispiel der „Schraubenkompressor“, die Erfindung des Frührentners Weitersfeld, der im (fiktiven) VEB Kühltechnik in Ostberlin gearbeitet hat. „Tiergarten Blues“ erscheint in der Reihe „Es geschah in Berlin“, dem am längsten laufenden Kettenkrimi in Deutschland. Der Berliner Horst Bosetzky hat sie ins Leben gerufen, und Bettina Kerwien hat bereits den dritten und damit 36. Band verfasst. Hintergrund ist der Einsturz der Berliner Kongresshalle im Jahr 1980. Alles andere ist fiktiv, aber passt gut in die damalige Zeit: Es gibt keine Handys, es wird im großen Stil geraucht und getrunken. Zum Beispiel „Mampe halb und halb“, ein – heute wieder in Mode gekommener – Magenbitter aus Bitterorange. Bettina Kerwien huscht in ein Büro und kommt mit einem Ordner zurück, der beim Öffnen eine Flasche Weinbrand und sechs angestaubte Gläser zum Vorschein bringt. „So was traf ich bei meinem Einstieg ins Unternehmen in den 90-er Jahren noch an“, sagt sie und lacht. Der Ordnerrücken ist mit „Hochleistungsschmierstoff A-Z“ beschriftet.

Ein bunter Reigen an Charakteren taucht im neusten Krimi auf. Am längsten dabei ist Peter Kappe von der Mordkommission. Welches ihre erfundene Lieblingsperson sei? Da muss Bettina Kerwien nicht lange überlegen. „Rosi Habedank, der Neuzugang bei der Mordkommission. 1980 gab es nach meinen Recherchen noch keine Frau beim ‚normalen‘ Polizeidienst in Berlin. Ich habe Rosi ein bisschen das Aussehen von Janis Joplin verpasst. Mit runder Brille und gelocktem Haar. Und sie mag auch den Blues.“ Auch Diskussionen zwischen Harry Engländer, dem etwas spießigen Chef der Mordkommission und dem fortschrittlichen Kappe über dessen abwertendes Sprechen über Schwule und Schwarze waren damals noch unüblich. Auch hier hat sich die Autorin ihre Freiheit genommen.

Natürlich gibt es einen Mord und davor noch eine abgehackte Hand, deren ursprünglicher Besitzer fehlt. „Es gab damals einen toten Journalisten beim Einsturz des Daches der Kongresshalle im Mai 1980. Bei mir im Krimi gibt es einen toten Koch“, erzählt Bettina Kerwien. Auf dieses Geschehen blickt die Leserschaft in einem Prolog zurück. Die eigentliche Krimihandlung erstreckt sich über zehn Tage im Oktober 1980.

Bettina Kerwien schreibt leidenschaftlich gern, und so ist auch ihr nächster Krimi in der Reihe schon in Arbeit. Als realer Hintergund gibt es die Dreharbeiten zum James-Bond-Film „Octopussy“ im Jahr 1982.

Die nächste Lesung der Autorin aus ihrem Roman „Tiergarten Blues“ gibt es am 9. November in der Humboldtbibliothek. Vorher lohnt sich auch das selber Lesen! Das Taschenbuch aus dem Jaron Verlag kostet 10 Euro und ist in allen Reinickendorfer Buchhandlungen vorrätig. mfk

Foto: mfk

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