Sonntag, 14. August 2022
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Vom Tanz der sieben Schleier

Vom Tanz der sieben Schleier
Hedwig Lachmann, Foto: wikipedia/DALIBRI

Als sich die Dichterin Hedwig Lachmann und Gustav Landauer um die Jahrhundertwende näher kamen, war der anarchistische Schriftsteller noch verheiratet, allerdings schon seit Jahren von seiner Frau getrennt. Aufgrund dieser heiklen Situation ließ sich das Paar eine Weile lang in England nieder. Bei ihrer Rückkehr nach Deutschland besorgte ihnen der Autor Erich Mühsam eine preisgünstige Wohnung im grünen Bezirk Hermsdorf in der Schloßstraße 17. Erst im Mai 1903 konnte das Paar heiraten, das inzwischen eine Tochter hatte. Fünf Jahre später bezog die Familie eine größere Wohnung in der Fellbacher Straße 26, die damals noch Kaiserstraße hieß. Ab Juni 1914 lautete ihre neue Adresse Teschkowstraße 2a, die heutige Oggenhausener Straße.

Hedwig Lachmann wurde am 29. August 1865 als Tochter eines jüdischen Kantors in Pommern geboren. Mit nur 15 Jahren absolvierte sie ihr Examen als Sprachlehrerin in Augsburg. In England und Budapest arbeitete sie als Erzieherin. Sie brachte eigene Gedichte heraus, hat sich aber vor allem mit einer Übersetzung ihren festen Platz in der deutschen Kulturgeschichte erobert: Sie übertrug den Text des Dramas „Salome“ von Oscar Wilde ins Deutsche. Für die englischen Sittenwächter zu skandalös, erlebte das Stück seine Uraufführung daher in Paris mit der legendären Sarah Bernhardt in der Titelrolle.

Das brutale Stück, in dem Salome als Gegenleistung für einen erotischen Tanz den Kopf des Täufers Johannes fordert, kam auch in Deutschland nicht durch die Zensur und durfte daher nur als „Privatveranstaltung“ in geschlossener Gesellschaft gespielt werden. Der Meister-Regisseur Max Reinhardt brachte den Einakter in seinem Kleinen Theater im November 1902 auf die Bühne: im Publikum der Komponist Richard Strauss. Strauss verwendete für die Vertonung Lachmanns Übersetzung. Zwar kürzte er den Text stark und stellte einige Passagen um, behielt aber im Großen und Ganzen den Wortlaut bei. Die Uraufführung in Dresden wurde 1905 zu einem überragenden Erfolg. Während das Theaterstück heute eher selten aufgeführt wird, bleibt die Oper mit dem berühmten Tanz der sieben Schleier auf den Spielplänen weltweit ein beliebter Klassiker.

Als Lachmann 1918 an einer Lungenentzündung starb, war ihre jüngste Tochter Brigitte gerade einmal zwölf Jahre alt. Im Folgejahr erlitt das Mädchen einen weiteren traumatischen Verlust, als der Vater von rechten Paramilitärs erschossen wurde. Vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs konnte sie aus Deutschland fliehen und emigrierte mit ihrem russischstämmigen Mann in die USA. Brigitte Peschkowsky ist die Mutter des Hollywood-Regisseurs Mike Nichols, der noch in Berlin 1931 zur Welt kam. Schon für seinen Debütfilm 1966 „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ erhielt Nichols eine Oscarnominierung und landete mit „Die Reifeprüfung“ ein Jahr später gleich seinen nächsten Erfolg. Zwar hatte Nichols, der 2014 in New York starb, seine Großmutter nie kennengelernt, erinnert sich aber daran, dass die Familie noch viele Jahre lang Tantiemen für „Salome“ erhielt.

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Die Schauspielerin Gertrud Eysoldt in der Rolle der Salome, vom Maler Lovis Corinth verewigt.

Bild: wikipedia/Hajotthu

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