Montag, 04. Juli 2022
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Gelbe Karte für die Gerichtsvollzieherin

Gelbe Karte für die Gerichtsvollzieherin
Foto: Falko Hoffmann

Die Szene, die sich den vorbeischlendernden Passanten am Kastanienwäldchen bot, war schon bizarr. Rund 20 Stammgäste des beliebten Lokals an der Residenzstraße hielten Gelbe Karten für den Fotografen in die sonnendurchflutete Luft. Die galten aber keinem Fußballspieler nach einem bösen Foul, sondern einer Gerichtsvollzieherin, die sich eigentlich für die Mittagszeit am Freitag, 20. Mai, angesagt hatte. Sie erschien aber nicht, sondern sagte telefonisch kurz vor Ablauf des von ihr selbst gestellten Zeitraums von 10 bis 13 Uhr ab.

Ein Schelm, der denkt, sie könnte ja die kleine Ansammlung von Unterstützern für Kastanienwäldchen-Inhaber Norbert Raeder im Vorbeifahren gesehen haben. Dabei hätte sie nichts zu befürchten gehabt. „Ich habe einen Security-Mann herbestellt, der sie mit dem Batzen Geld zur nächsten Bank oder zum Auto begleitet hätte“, sagte Raeder der RAZ. „Ich wollte auch einen Kaffee mit ihr trinken. Sie kann ja nichts dafür, was die GEMA hier verzapft hat, sondern macht nur ihren Job.“

Der sah eigentlich vor, dass sie im Zuge einer Zwangsvollstreckung 6.594,05 Euro von Norbert Raeder eintreiben sollte. Der Gastronom und Lokalpolitiker hatte die Summe auch da – in kleinen Scheinen à 5 Euro. Die „Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte“, besser bekannt als GEMA, hatte diese Forderung gestellt – für einen Zeitraum, in dem Raeder seinen Laden wegen der Corona-Pandemie schließen musste und keine Einnahmen generieren konnte. „Ich habe die GEMA im Vier-Wochen-Rhythmus angeschrieben, habe gebettelt und gefleht, aber ich bin auf taube Ohren gestoßen“, sagt Raeder. Auf beantragte Corona-Hilfen wartet er seit anderthalb Jahren. Genauso wie auf die Bezahlung für das Betreiben einer Teststation im Zeitraum von November 2021 bis Februar 2022. „Auch hier heißt es: Befindet sich in der Überprüfung“, so Raeder.

Sogar ein Radioreporter eines kleinen Senders in Rinteln war vor Ort. Er hatte über das Internet von der Aktion Wind bekommen. Die Gerichtsvollzieherin aber hat er dann auch nicht zu Gesicht bekommen.

bek

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