Sonntag, 14. August 2022
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Ehrung mit Verfallsdatum

Ehrung mit Verfallsdatum
Das Ehrengrab von Oskar Loerke Foto: Wikipedia Mutter Erde

Frohnau – Vor 111 Jahren erschien Oskar Loerkes erster Lyrikband, in dem sich das Gedicht „Blauer Abend in Berlin“ findet. Loerke verstand sich als Naturlyriker und erklärte einmal: „Ich habe die moderne Großstadt erlebt als ein Stück Natur.“

Aber nicht nur als Autor spielte er eine Rolle in der Literaturgeschichte, sondern auch als Lektor für den S. Fischer Verlag, über den es zu einer Zusammenarbeit mit Thomas Mann kam, zu dessen „Zauberberg“ er auch den Werbetext verfasste. Zum 50. Geburtstag Döblins, dem Autor von „Berlin Alexanderplatz“, brachte Loerke gemeinsam mit dem Jubilar „Alfred Döblin – Im Buch – Zu Haus – Auf der Straße“ heraus.

Der in Westpreußen geborene Loerke begann 1903 mit 19 Jahren sein Studium der Germanistik, Geschichte, Musik und Philosophie in Berlin. Nachdem er zehn Jahre später den Kleist-Preis gewonnen hatte, nutzte er das Geld für Reisen nach Italien und Algier. In seinem Haus in Frohnau empfing Loerke gerne Gäste, die er häufig mit der Lesung seiner Gedichte oder musikalisch am Flügel unterhielt. In der Preußischen Akademie der Künste fungierte er als Sekretär der Sektion Dichtkunst. 1933 schlossen ihn die Nazis zunächst aus. Im Oktober desselben Jahres gehörte er, ebenso wie Gottfried Benn, zu den 88 Unterzeichnern der „Kundgebung deutscher Schriftsteller“, die im „Gelöbnis treuester Gefolgschaft“ für Hitler gipfelte. Loerkes Motiv war wohl in erster Linie, Cheflektor bei S. Fischer zu bleiben, um den Verlag, so gut es eben ging, gegen Zensur und Gängelung durch die NS-Diktatur zu verteidigen. Er zog sich in die innere Migration zurück und starb 1941.

Niemand geringerer als Hermann Hesse bedauerte Loerkes „Aschenbrödeldasein“ als Schriftsteller: „Man kann ohne Übertreibungen sagen, daß das Volk der Dichter und Denker in Loerke wieder einmal eine Begabung und einen Charakter höchsten Ranges unerkannt, ungenutzt und ungeehrt hat leben, arbeiten und sterben lassen.“ Für Hesse war der Kollege „ein heimlicher König der modernen avantgardistischen Dichtung“.

Trotz dieser Lobpreisung durch den großen Literaturnobelpreisträger entschied der Berliner Senat im letzten Jahr, dass ein „fortlebendes Andenken in der allgemeinen Öffentlichkeit“ nicht mehr erkennbar sei und wollte Loerkes Ehrengrab nicht länger finanzieren. Dagegen regte sich allerdings Protest, und sogar das PEN-Zentrum meldete sich zu Wort. Schließlich lenkte die Stadt ein und verlängerte die Grabpflege um weitere 20 Jahre. An den Dichter erinnern zudem eine Tafel an seinem Frohnauer Haus in der Kreuzritterstraße 8 und der Loerkesteig, die Fußgängerbrücke in Hermsdorf.

Mit einer Lesung und einer Gesprächsrunde im Centre Bagatelle unter dem Titel „Was ist die Gegenwart eines Dichters?“ erinnerte am 20. Mai der Grundbesitzer-Verein der Gartenstadt Frohnau und die Wilhelm-Lehmann-Gesellschaft an Oskar Loerke. Die Gedichte wurden vom Schauspieler Hanns Zischler vorgetragen. Es bliebe zu wünschen, dass der einst so geschätzte Schriftsteller wieder stärker in den Fokus rückt und sich das Trauerspiel um sein Ehrengrab in 20 Jahren nicht wiederholt.bod

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