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Montag, 17. Januar 2022
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Wagenbach – „Kafkas Witwe“

Wagenbach – „Kafkas Witwe“
Ein Leben für Bücher: Klaus Wagenbach Foto: Wilhelm W. Reinke

Tegel – Am 17. Dezember 2021 starb Klaus Wagenbach im Alter von 91 Jahren im Beisein seiner Familie umgeben von seinen Büchern. Seine lebenslange Leidenschaft für Literatur ließ ihn zu einer wichtigen Persönlichkeit in der Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik werden.

Das Licht der Welt erblickte Wagenbach am 11. Juli 1930 in Tegel. Sein Vater, der spätere CDU-Politiker Joseph Wagenbach, arbeitete zu dieser Zeit in Berlin beim Bund Deutscher Reformer und beteiligte sich nebenbei an der Herausgabe des Tegeler Lokalblatts „Mitteilungen Joseph-Siedlung“. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog die Familie nach Hessen.

In Frankfurt studierte Klaus Wagenbach Germanistik, Archäologie und Kunstgeschichte. Dort promovierte er über den von ihm bewunderten Schriftsteller Franz Kafka. Später bezeichnete er sich als „Kafkas dienstälteste lebende Witwe“, da er über umfangreiches Material aus dem Nachlass des Schriftstellers verfügte. Wagenbach verfasste mehrere Werke über den Schriftsteller, unter anderem „Kafkas Prag“ und „Biographie seiner Jugend“.

Mit seiner Frau Katharina, die aus einer russischen Buchhändlerfamilie stammte und mit der er drei Töchter hatte, gründete er einen eigenen Verlag mit dem Ziel, Werke aus beiden deutschen Staaten herauszugeben. Von Wolf Biermann verlegte Wagenbach den erfolgreichen Gedichtband „Drahtharfe“, der ihm allerdings Ärger mit dem DDR-Regime einbrachte. Er erhielt Einreise- und Transitverbot, wodurch er gezwungen war, mit dem Flugzeug nach West-Berlin zu reisen.

Sein Sehnsuchtsland Italien, das er als Jugendlicher per Fahrrad bereiste, war ein weiterer Programm-Schwerpunkt des Verlags, ebenso Texte linker Autoren wie Rudi Dutschke und Erich Fried. Auch der erste Roman des französischen Erfolgsautors Michel Houellebecq „Ausweitung der Kampfzone“ erschien dort.

Wohl eher unfreiwillig spielte Wagenbach 1970 eine Rolle bei der Geburtsstunde des bewaffneten RAF-Terrors gegen den Staat. Um Andreas Baader aus der JVA Tegel zu befreien, gab Ulrike Meinhof vor, zusammen mit dem Inhaftierten an einem Buch über Heimerziehung zu arbeiten. Mit Hilfe eines Autorenvertrags, den sie mit Wagenbach schloss, erlangte sie die Genehmigung für Baader, in einer Dahlemer Bibliothek unter Polizeischutz zu recherchieren. Dort befreiten ihn Komplizen mit Waffengewalt. Nach Meinhofs Tod im Gefängnis sechs Jahre später sprach der Verleger auf ihrer Beisetzung.

1977 trennte sich Klaus Wagenbach von seiner ersten Frau und heiratete 1986 Barbara Herzbruch, die fünf Jahre später starb. Die dritte Ehe ging er mit Susanne Schüssler ein, die bei ihm arbeitete und mit der er eine weitere Tochter bekam. Mit Anfang Siebzig übergab er die Leitung des Verlags an seine Frau. Schüssler steht dem Haus bis heute vor.

Klaus Wagenbach hat immer an die Zukunft des Mediums Buch geglaubt und Wert darauf gelegt, dass seine Bücher mindestens 100 Jahre halten.

bod

Fotos (2): WagenbachVerlag

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