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Montag, 17. Januar 2022
Start Panorama Grammy nach Reinickendorf?

Grammy nach Reinickendorf?

Grammy nach Reinickendorf?
Robert Russ ist bereits zum 6. Mal nominiert worden. Foto: Sony Classical

Reinickendorf – Sony Classical hat seinen weltweiten Hauptsitz in Berlin, und Robert Russ ist dafür verantwortlich, welche Perlen historischer Aufnahmen aus den Archiven geborgen und dem Publikum zugänglich gemacht werden.

Russ, gebürtiger Schwabe, trat viele Jahre als freischaffender Sänger auf. Dann wechselte er ins Produzenten-Fach und verlegte seinen Wohnsitz nach Berlin. Seitdem fühlt er sich im Fuchsbezirk Zuhause.

Und jetzt steht Russ bereits zum sechsten Mal auf der Grammy-Liste, Ende November gab die Academy die Namen der Nominierten bekannt.

Dieses Mal vorgeschlagen ist Russ für die Katalogveröffentlichung „Marian Anderson – Beyond The Music“.

Wie fühlt es sich an, bereits zum 6. Mal für den Grammy nominiert zu sein?

Nun, ich freue mich natürlich sehr, dass unsere Arbeit auf diese Weise Anerkennung erhält. Immerhin ist der Grammy® die höchste internationale Auszeichnung für Künstler, Produzenten und Toningenieure. Es fühlt sich großartig an, wenn man in seinem Home-Office in Berlin-Reinickendorf sitzt und einem mit der Verkündigung der Nominierungen wieder bewusst wird, welches Echo eine Veröffentlichung wie Marian Anderson – Beyond the Music im größten Musikmarkt der Welt hervorruft.

Wonach entscheiden Sie, welchen Künstler Sie für ein Editions-Projekt auswählen?

Das ist eine interessante Frage, die wahrscheinlich auch ein/e Dokumentarfilmer/in nicht in einem Satz beantworten kann. Oft ist dies ein langfristiger Prozess, bei dem äußere Faktoren genauso eine Rolle spielen wie die eigene Neugier und der Wunsch, eine bestimmte Geschichte oder ein bestimmtes Ereignis der Musikgeschichte mit den Menschen zu teilen zu wollen. Bei manchen Projekten kann ein Jubiläum, wie z.B. 50 Jahre Woodstock Festival, Anlass sein, über Jahre hinweg umfangreiche Forschungen zu betreiben. Bei Ikonen wie den Pianisten Glenn Gould und Vladimir Horowitz waren es Schlüsselereignisse ihrer Karrieren, die mich interessierten. Goulds Debut mit den Goldbergvariationen und Horowitz‘ legendäres Comeback 1965. Ich gebe zu, es macht Spaß, wenn man die mystischen Schleier, die diese Ereignisse seit Jahrzenten umgeben, mit einer Dokumentation dessen „was war“ für das Publikum lüften kann.

Ihre Wahl fiel auf Marian Anderson, was machte die Sopranistin aus?

Marian Andersons Geschichte ist so beindruckend, dass Erzählungen über sie den hier gegebenen Rahmen schnell sprengen können. Marian Anderson war eine Afro-Amerikanerin aus Philadelphia, deren einzigartige Stimme sie weltweit bekannt machte. Anfang der 1930er Jahre ging sie auf Europatournee und trat in Berlin, London und Paris sowie in Spanien, Polen, Italien, Lettland und Russland auf. Der Komponist Jean Sibelius und der Dirigent Arturo Toscanini priesen ihre Stimme als Jahrhundertbegabung. Mit Hilfe eines Stipendiums wohnte Marian Anderson Anfang der 1930er Jahre ein Jahr in Berlin bei einer Familie, um hier die deutsche Sprache und den Liedgesang zu studieren. Anderson kehrte nach ihren Triumphen in die USA zurück und machte dort die Erfahrung, dass ihr wegen ihrer Hautfarbe die Benutzung von Aufzügen oder Speisesälen in Hotels verweigert wurde. Die Ereignisse gipfelten 1939 in ihrem legendären Konzert am Lincoln Memorial vor über 70.000 Menschen, welches die Präsidentengattin Eleanor Roosevelt aus Protest gegen Marian Andersons Diskriminierung in Washington mit initiierte. Marian Anderson trat nach dem Krieg noch einmal in Berlin auf, am 4. Juni 1950 im Titania-Palast mit ihrem Freund und Klavierbegleiter, dem Deutschen Franz Rupp. Dieser sah sich in seinem Leben ebenfalls Anfeindungen ausgesetzt und verließ seine Heimat 1938.

So kam es, dass Rupp und Anderson sich 1940 in New York trafen, um fortan gemeinsam aufzutreten. Anderson bekämpfte die ihr entgegengebrachte Ablehnung, indem sie beharrlich an ihrer Auffassung festhielt, dass auch sie das Recht hätte, zu singen. Schlussendlich, am 7. Januar 1955, trat sie als erste Schwarze Künstlerin an der MET in New York auf und ebnete damit den Weg für viele großartige Künstler nicht-weißer Hautfarbe.

Herr Russ, herzlichen Dank für das Gespräch.

Interview Anja Jönsson

Sopranistin Marian Anderson

Foto: Darlene Studio/Hurok

Die 64. Grammy Awards finden am 31. Januar 2022 in Los Angeles statt. Sie werden live gestreamt und auf CBS in den USA übertragen.

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