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Montag, 17. Januar 2022
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Freie Stimme der freien Welt

Freie Stimme der freien Welt
Altes Saba Röhren-Dampfradio Foto: du

„Es liegt eine Insel im Roten Meer und die Insel heißt Berlin… Der Insulaner verliert die Ruhe nicht, der Insulaner liebt keen Getue nicht“, so sangen sich die Kabarettisten des Kaltkriegssenders RIAS (Rundfunk Im Amerikanischen Sektor) nach 1945 erfolgreich durch den Äther der Ost- und Westzonen. Auch funkten RIAS-Reporter live von Berlin-Blockade und Arbeiter-Aufstand 1953. Das offizielle DDR-Radio (vor Staatsgründung übrigens von einem Tegeler Sendemast aus) konnte nur mit steifen Floskeln reagieren wie: „Eine tiefe Empörung hat unsere Werktätigen erfasst.“ In Sachen Attraktivität wusste man gegen westlichen Agit-Pop von RIAS und Co. wenig auszurichten.

Indes produzierte der RIAS mit seinem charakteristischen Geklingel-Jingle hochbegehrte Formate: Von Krimi-Hörspielen „Es geschah in Berlin“ über Fred Ignors „Schlager der Woche“, Hänschen Rosenthals „Wer fragt gewinnt“ oder „Pension Spreewitz“ war es vielfach hörenswert die „Freie Stimme der freien Welt“ (später herrlich verarscht in Familie Feuerstein als „Steinerne Stimme der Steinernen Welt“) am Abstimm-Knopf zu ergattern. Sofern man im Einzugsbereich der UKW-Sender lebte, stellte das kein Problem dar – auf Mittelwelle mischte sich allerdings das grässliche Pfeifen eines vom Osten betriebenen Störsenders unter den „Feind-Sender“.

So weit, so folkloristisch. Wer anfangs in der DDR beim West-Sender-Hören erwischt wurde, musste mit Gefängnis rechnen. Und wer RIAS-Reportern Informationen lieferte, riskierte sogar die Todesstrafe. „Doch auch derart drakonische Maßnahmen können die Hör-Lust auf attraktive West-Sender kaum bremsen. 1954 wird in West-Berlin mit dem Polit-programmatischen Namen „Sender Freies Berlin“ (SFB) sogar ein zweiter Frontstadt-Sender gegründet. Dagegen funkten mit durchwachsener Resonanz bis 1990 landesweit fünf Ost-Programme.

Die konträren Werte-Welten prallten bald auch im Fernsehen unversöhnlich aufeinander – wobei der DDR-Fernsehfunk für West-Zuschauer mitunter attraktiv war. Der wöchentliche alte deutsche Spielfilm, Willie Schwabes „Rumpelkammer“ oder der Feiertags-Klassiker „Zwischen Frühstück und Gänsebraten“ lockte auch Westler anlassweise auf Kanal fünf. Ab den Siebzigern sogar mit einem weihnachtlichen Frivolfilm – ein Highlight in der noch prüden Bundesrepublik.

Für den ideologischen Schlagabtausch sorgten hingegen West-Chef-Demagoge Matthias Walden und sein östlicher Gegenpart Karl Eduard von Schnitzler (genannt Sudel-Ede), der nach dem alten deutschen Film mit seinem „Schwarzen Kanal“ wöchentlich gegen den Westen anflutete.

Kurios die Missverständnisse für meine Klamannstraßen-Kinderohren: War es der „Karliknecht“ bei unabsichtlich empfangenen Arbeiter-Liedern oder das Frühnachmittags-Programm des DDR-Fernsehens. Gerade aus der Schule gekommen, sah ich ab 13.30 Uhr knallharte „Parmesanen-Filme“. Die ARD-Kindersendungen à la „Bastelstunde mit Erika“ oder „Sport, Spiel, Spannung“ mit Klaus Havenstein fingen ja erst gegen 17 Uhr an …

Conny Chronowitz

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