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Sonntag, 19. September 2021
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Verschickt ins „Kinderquälheim“ Kiebitzdelle

Verschickt ins „Kinderquälheim“ Kiebitzdelle
Am Rathaus ging es los, zu Connys Kinderzeiten noch in Schwarz-Weiß. Aber die wichtigsten Urlaubsutensilien waren zum Glück doch schon bunt. Foto: Archiv Museum Reinickendorf/Collage: Harald Dudel

Es mag von Amts wegen ja gut gemeint gewesen sein, und auch ich war voller Vorfreude als ich an einem Sommerabend vor über 60 Jahren den Reisebus vor dem Rathaus Reinickendorf bestieg.

Eingedeckt mit einer dunkelblauen nach frischem Kunststoff „duftenden“ Pan-Am-Reisetasche und Knabberkram schmiegte ich meine Wange von innen an die Scheibe, um den Eltern am Eichborndamm ein letztes Mal zuzuwinken. Per Nachtbusfahrt raus aus Berlin über die Transit-Hoppelstrecke erst nach Helmstedt über Emden, schließlich Übersetzen nach Borkum, begann für mich Neunjährigen ein Abenteuer.

Bezirksamtlicher Hintergrund: Berliner Kinder aus unbetuchten Verhältnissen wurden zum Aufpäppeln auf die Nordseeinsel Borkum verschickt. Dort angekommen machten sich aber alsbald die Negativaspekte des von den „Tanten“ rigoros geführten Ferienheims bemerkbar: Zwangsmittagsschlaf von zwei Stunden, OHNE in der Zeit aufs Klo gehen zu dürfen. Und dann das „Essen“: Wir wurden gemästet, das heißt gezwungen, auch fette Rindfleischränder aufzuessen.

Monoton die Gesänge: „Wir lagen vor Madagaskar“ und „Wir sind vom te-te-Telegrafenbataillon“. Hinzu kam ein blödmännischer Hausgehilfe: Der sprühte bei geschlossenen Fenstern und in ihren Bettchen liegenden Kindern volle Ladungen Insektenspray ins Viererzimmer. Trotz schönen Wetters und häufigen Strandgängen wurde es mir so unerträglich, dass ich mich in der Hoffnung, vorzeitig nach Hause geschickt zu werden, mit Absicht erkälten wollte. Aber das hat trotz diverser Verkühl-Versuche nicht geklappt. Immerhin ein Vorteil: Ich durfte als Neunjähriger schon Edgar-Wallace-Schmöker lesen. Und ich hatte meine „Goldene Kamera“, die Penti, dabei. Ich jedenfalls war froh, als ich nach einer gefühlten Ewigkeit endlich wieder den Turm des Rathauses Reinickendorf sehen konnte.

Dass ich mit meinem Leid nicht allein war, stellte sich sechzig Jahre später heraus, als ich einen Hinweis auf Anja Röhls Buch „Das Elend der Verschickungskinder“ bekam. Dahingegen müssen meine schlechten Erfahrungen noch sehr harmlos gewesen sein. Bei in der Nachkriegs-BRD rund zehn Millionen verschickter Kinder dürfte es Hunderttausenden in manchen „Kinderquälheimen“ weitaus schlimmer ergangen sein – mit Briefzensur und Bettnässer-Schlägen (habe ich „nur“ einmal bei einem Mitinsassen mitbekommen). Heute unvorstellbar, dass so etwas geduldet und lukrativ finanziert wurde.

Auf meine erwachsene Bezirksamt-Anfrage, ob Unterlagen zu Qualitätskontrollen vorhanden sind, erhielt ich die freundliche Antwort: „Leider ist dies nicht der Fall, da zu dem von Ihnen angefragten Themenbereich keine Akten vorgehalten werden, die älter als zehn Jahre sind. Es tut mir leid, dass wir Ihnen in diesem Fall nicht weiterhelfen können. Ich wünsche Ihnen dennoch viel Erfolg bei den weiteren Recherchen.“ Immerhin wird im Herbst ein diesbezüglicher Kongress auf Borkum stattfinden. Wie gut, dass heutige Ferienkinder stundenweise und mit höchstwahrscheinlich wesentlich humanerer Kompetenz ins Museum Reinickendorf geschickt werden.Conny Chronowitz

Bloß weg hier Foto: du

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