Ratten der Lüfte oder zu schützende Tiere?

Tauben werden oft als Plagegeister angesehen – ein menschengemachtes Problem

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Taube
Eine hübsche Vertreterin ihrer Art Foto: fle

Bezirk/Tegel – Es gab einen regelrechten medialen Aufschrei, als eine Tierschützerin in der Facebook-Gruppe „I love Tegel“ herumfragte, wer denn freiwillig beim Füttern der Tauben am Tegeler Hafen helfen würde. Von „das Füttern von Wildtieren ist verboten“ bis hin zu „Abartig“ oder „Stadttauben sind Ungeziefer“ war zu lesen. Und kaum ein Thema wie die Tauben in unserer Stadt polarisiert wohl mehr. Sie gelten schließlich als „Ratten der Lüfte“, als „Krankheitsüberträger“ und als „schmutzig“. Doch wenn man einmal genauer hinschaut, ist das Thema viel komplexer, als einige Facebook-Mitglieder erahnen, die ihre vielen meist negativen Kommentare und Antworten dazu gaben. „Würde man vermutlich die Fütterung einstellen, würden sie vermutlich in Parks oder Wäldern fressen gehen“, ist eine Antwort. Doch so ist es eben leider nicht. Denn Taube ist nicht gleich Taube. Da gibt es die wilden Tauben wie Ringel- und Türkentaube, die gut in der Natur klarkommen und auch ihre Nahrung selbst finden. Doch die Tauben, die vor allem bei eisigen Temperaturen und zu Corona-Zeiten regelmäßig auf die Tierschützer am Tegeler Hafenbecken warten, würden verhungern. Es handelt sich nämlich um Stadttauben, die anders als ihre wilden Verwandten von den Menschen gezüchtet wurden. Sie waren nie wild, sondern sind in einem Schlag aufgewachsen und wurden gefüttert. Es handelt sich also um verwilderte Haustiere – um ausgesetzte oder entflogene Haustauben, verirrte Brieftauben und deren Nachkommen.

Das Problem begann, als man die gezüchteten Haus- oder Brieftauben sich selbst überlassen hat. Sie haben nie gelernt, artgerechtes Futter zu suchen. So ernähren sie sich von menschlichen Abfällen wir Pommes oder Dönerresten. Dass dies nicht gesund ist, sieht man den Tieren oft an

Weiteres Problem: Sie wurden auf maximalen Ertrag gezüchtet. Deshalb brüten sie auch, anders als Wildtauben, das ganze Jahr über. So produzieren sie am laufenden Band Nachwuchs. Bei Futtermangel sind die Eltern jedoch nicht mehr in der Lage, ihre Jungen zu versorgen. Die Küken verhungern.

In Reinickendorf geht man das Problem mit Taubenwagen an: Es handelt sich dabei um fünf Taubenschläge in Bauwagen, die im Oktober 2010 erstmals aufgestellt wurden. Sie wurden zu kleinen „Tauben-Hotels“ umfunktioniert: Sitz- und Nistmöglichkeiten sowie Futterstellen wurden installiert und eine Öffnung zum Hinein- und Hinausfliegen geschaffen. Hier werden die Tiere nun seit „Eröffnung“ der Taubenschläge regelmäßig gefüttert; zudem tauscht man die Eier gegen Gipseier aus. Und dadurch werden quasi gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, denn zum einen bekommen die Tiere hier das richtige Futter und bleiben gesünder, zum anderen wächst die Population nicht unendlich weiter an. Außerdem können kranke Tiere hier besser tiermedizinisch behandelt werden. Von den anfangs fünf Wagen sind noch drei übrig: Zwei befinden sich in der Stargardtstraße unweit er Residenzstraße und einer am Fontane-Haus im Märkischen Viertel. „Das Projekt ist erfolgreich“, erklärt die zuständige Stadträtin Katrin Schultze-Berndt. „Allein im Jahr 2020 wurden in den drei Schlägen 624 Eier getauscht. Die Taubenpopulation konnte verringert werden und Verkotungen im Umfeld der Schläge wurden vermindert“, fügt sie hinzu.

Bleibt zu hoffen, dass auch Tegel wieder einen Taubenschlag erhält. „Der bereits vorhandene an der Buddestraße wurde von den Tauben nicht angenommen. Er stand zu frei im Gelände und wurde Opfer von Vandalismus“, sagt Schultze-Berndt.

Felix Schönebeck, Vereinsvorsitzender von I love Tegel e.V. und CDU-Bezirksverordeter, hat sich dem Taubenproblem angenommen und schon einige Ideen: „Zwischenzeitig hat sich ein Taubenschlag auf dem Parkdeck des Tegeler Parkhauses befunden, doch es ist im Zuge der Abrissarbeiten verschwunden. Ich habe allerdings schon Gespräche geführt, dass es nach Ende der Bauarbeiten dort wieder hinkommen kann.“ Sollte dies nicht realisierbar sein, wird sich Schönebeck nach einem Alternativ-Standort umhören. fle