Ein APO-Opa erinnert sich

Jugendclub Prisma: Revoluzzer-Räume hinterm Polizeirevier

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Gebäude
Kutschi aktuell: Hinter dieser Fassade lag dereinst das Prisma Fotos (2): du

Tegel – Am spektakulärsten wirkte die Versteigerung der bei Schering geklauten Antibabypillen: Vor dem abgesperrten Prisma-Eingang beteiligten sich am 22. Januar 1969 rund 100 zumeist Minderjährige an der mehrfach illegalen Aktion. Es war eine wilde Zeit Ende der Sechziger: Vietnam-Völkermord, Schah-Besuch, Erschießung Benno Ohnesorgs und eine Schüler-Bewegung als Ur-Ur-Urahn von Fridays for Future. Alles im reizbaren Klima der stramm SPD-regierten Halbstadt – das nordabseitige Prisma am Kutschi immer mittenmang.

Im April 1967 hatte der Jugendclub im Neubau hinter Postamt und Polizeirevier unter Nord-Bowling als kulturell-politisches Forum eröffnet. Der Name Prisma war Programm: Während oben die Kugeln ihren Strikes und Spares entgegenrumpelten, wurde unten im Prisma buntwild diskutiert und unerhörter Musik gelauscht. Ich kam als knapp 16-jähriger dort in Erstkontakt mit Protestplatten und Jimi-Hendrix. Vor allem fand viel live statt: Freitagabend ernsthafte Themen – Samstagsabend Unterhaltung. Hier erlebte ich Hannes Wader und Reinhard Mey, Verlagsgründer Wagenbach, die Insterburgs.

Unter der Woche werkelten unzählige Initiativen, Kollektive und adhoc-Gruppen. Die Themen damals in der Stadt? Ein buntes Spektrum aus politisch Verdrängtem der Nachkriegszeit: Enteignet Springer, Vietnamkriegs Stopp, Raucherzimmer für Schulen, Notstandsgesetze, Fahrpreisboykott. Deren Protagonisten schmückten sich häufig mit anmaßend-entliehenen Namen von Spartacus über Rote Garde bis hin zum Zentralrat der umherschweifenden Haschrebellen. Die Anhänger nicht nur unkritisch gegenüber ihren Polit-Idolen, sondern untereinander nicht selten Spinnefeind: Als Revisionisten, Maoisten, Dogmatiker. Dabei „antikapitalistische“ Sozis – beschwichtigend-wohlmeinend, aber in der Minderheit.

Über allem als Schutzengel Reinickendorfs SPD-Jugendstadträtin Ilse Reichel, die öffentliche Mittel großzügig in die Hand genommen hat, damit „unterschiedliche Ansichten hart, aber fair aufeinanderprallen und die jungen Leute selbst bestimmen können, worüber sie reden.“ Das hat zwei, drei wilde Jahre durchaus funktioniert.

Der Niedergang begann, als die Gäste begannen, in den Räumen trotz undurchsetzbarer Verbote, ungeniert zu kiffen. Das gemütlich-komfortable Ambiente zog nach und nach die Konsumenten harter Drogen sowie ihre Dealer an. In den Besucher-Spitznamen wurde der Wandel deutlich: Hießen sie anfangs noch Helle, Profi, Mücke und Gerlinde, kamen langsam Barnie, Feile, Horror und ein Mädchen namens Moskau ins Abstiegs-Spiel. Bewundernswert die schlichtend-beschwichtigenden Sozialarbeiter, die einen Drogensüchtigen eine Weile zu Hause bei sich aufgenommen hatten, bis er sie total beklaut hatte.

Postamt, Polizeirevier und Prisma sind Geschichte. Dafür großen, posthumen Dank an Dich, liebe mutige, zuletzt genial gescheiterte Ilse. Hier habe ich (Schüler-) Zeitungsmachen, Standpunkt finden und kritisches Hinterfragen gelernt. Ich wünsche unseren heutigen Jungmüpfern ähnlich coole Artikulations-Räume.

Conny Chronowitz