Dienstag, 05. Juli 2022
Start Panorama Erbswurst und Drogenrausch

Erbswurst und Drogenrausch

Erbswurst und Drogenrausch
„Liebe ohn‘ Erhörung, das ist Zucker ohne Gärung“– immerhin reimt es sich. Fotos (2): bod

Der Tegel-Kaviar, ein Mix aus Ölsardinen und Kapern, den Heinrich Seidel in seinen Heimatgeschichten über Leberecht Hühnchen beschreibt, ist eine Erfindung des freundlichen Eigenbrötlers Doktor Havelmüller. Wenn auch der Kaviar nicht echt ist, so steckt doch hinter Havelmüller eine reale Person: der Chemiker Emil Jacobsen, ein guter Freund von Seidel und ein Mann mit diversen Talenten.

Jacobsen wurde 1836 in Danzig geboren und studierte in Breslau Pharmazeutik und Chemie. Seinen Abschluss machte er in Berlin, wo er bald sein eigenes Labor betrieb, das an vermarktbaren Produkten experimentierte. Mit verschiedenen Patenten wie einem Rheumamittel oder einer Lebensmittelfarbe war er finanziell höchst erfolgreich. Äußerst kurios klingt sein Beitrag zur Erbswurst, eines der ersten deutschen Fertiggerichte: Es handelt sich um ein 1867 entwickeltes Extrakt für einen Erbseneintopf, das den Namen Wurst nur durch seine Form erhielt. Von Jacobsen stammte der Klebstoff, mit dem die Hülle verschlossen und das Etikett aufgebracht wurde.

Auch als Herausgeber und Autor für das Chemisch-technische Repertorium, einem bedeutenden Fachblatt, das 40 Jahre lang erschien, machte er sich einen Namen. Bis zu seinem Tod vor 110 Jahren im Februar 1911 war Jacobsen wissenschaftlicher Beirat und Mitglied im Aufsichtsrat der Schering AG, mit dessen Gründer Ernst Schering er in derselben Studentenverbindung war.

Seine große Leidenschaft war darüber hinaus das Dichten. Zwar ließ er seine Werke auch veröffentlichen, aber in erster Linie waren sie für den Vortrag bei feierlichen Anlässen im Kreise von Kollegen und Studenten gedacht und enthalten daher unermüdlich humorvolle Verweise auf die Chemie. Seine als „pharmazeutischer Scherz“ untertitelte Komödie „Eine alte Kamille oder Gift und Liebe“ wurde 1863 anlässlich eines Stiftungsfestes des Vereins von Pharmazie-Studenten aufgeführt. Der Schwank gipfelt in einem Drogenrausch, in dem Pflanzengeister in Versen die anregende Wirkung verschiedener Sub­stanzen besingen. Für diese surreale Einlage voller lateinischer Fachausdrücke bittet der Autor bereits im Stück um Nachsicht: „Nimm diesen Traum aus Opium, O Publikum, nicht krumm.“ Trotz des Drogentrips ist die Moral des Stücks dann doch arg bieder – die Besitzerin der Apotheke ist nämlich ein wahrer Hausdrachen und stets „überall, nur nicht da, wo sie sein sollte: in Küche und Speisekammer“. Durch die Begegnung mit den Pflanzengeistern hat sie schließlich ein Einsehen und überlässt dem jungen Assistenten ihre hübsche Tochter und die Leitung der Apotheke.

Jacobsen hat, teils unter dem Pseudonym Havelmüller, noch weitere launige Werke veröffentlicht, etwa das „Liederbuch für fröhliche Fälscher“, „Kosmisch-Komisches“ und eine romantisch-phantastisch-pharmaceutisch-medicinische Oper mit dem Titel „So ist es!“ Folgerichtig nannte er seine Villa unweit des Tegeler Sees in der Gabrielenstraße 70 augenzwinkernd „Reimschmiede“. Entworfen wurde sie 1899 von dem befreundeten Architekten Bruno Schmitz, nach dessen Plänen auch das Leipziger Völkerschlachtdenkmal und das Kyff­häuserdenkmal gebaut wurden. Das Haus im Fachwerkstil wurde 1975 abgerissen und musste einem schmucklosen Neubau weichen. Jacobsens Grab existiert noch heute auf dem Kirchhof St. Johanni in Wedding, obwohl es kein Ehrengrab ist. Die Havelmüller-Grundschule in Tegel ist nach seinem Künstlernamen benannt, und in Wittenau erinnert der Jacobsenweg an den vielseitigen Wissenschaftler.

bod

Jacobsens Grab auf dem Kirchhof St. Johanni

Gefundene Standorte im Beitrag | Berlin, Reinickendorf