NS-Ärzte als Massenmörder

Stolpersteine erinnern an NS-Euthanasie-Opfer

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Mahnmal für die Euthanasie-Opfer im Nationalsozialismus am Eingang der Philharmonie
Mahnmal für die Euthanasie-Opfer im Nationalsozialismus am Eingang der Philharmonie - Foto: bod

Bezirk – Vor 80 Jahren starb Paul Terting im Alter von 51 Jahren in einer Gaskammer. An ihn erinnert ein Stolperstein vor der Hennigsdorfer Straße 14 in Heiligensee. Als Kleinkind wurde eine rechtsseitige Lähmung festgestellt. Mit elf Jahren begannen seine Krampfanfälle. Als sich sein Zustand verschlimmerte, ließ ihn sein Vater 1922 in eine Anstalt für Epileptiker in Hellersdorf einweisen.

Terting wurde in den folgenden Jahren in verschiedene Kliniken verlegt, bis er schließlich im Zuge der „Aktion T4“ getötet wurde, der mehr als 70.000 Menschen zum Opfer fielen. Die Bezeichnung T4 leitet sich von der Adresse Tiergartenstraße 4 ab, wo die Zentrale für das Euthanasie-Programm ihren Sitz hatte. Mit Unterfirmen wie der „Gemeinnützigen Krankentransport GmbH“ wurde der Zweck dieses Unternehmens verschleiert, damit die Öffentlichkeit so wenig wie möglich von dem Massenmord mitbekam.

Die Heilanstalten mussten ohne Kenntnis über den Zweck der Befragung Listen von ihren Patienten an die Zentrale senden. Anhand der Meldebögen entschieden dann T4-Ärzte mit einem kurzen Blick darauf, wer sterben musste. Ein blaues Minus hieß „weiterleben“, ein rotes Plus bedeutete das Todesurteil. 1940 und 1941 wurden jeweils über 35.000 Menschen vergast, verteilt auf sechs Anstalten. Vor den als Duschräumen getarnten Gaskammern mussten sich die ahnungslosen Patienten komplett entkleiden. Man warf einen Blick in ihren Mund und drückte ihnen einen Stempel auf die Brust, anhand dessen nach der Exekution schneller die Leichen aussortiert werden konnten, bei denen noch die Goldzähne herausgebrochen werden sollten. Offiziell sprach die NS-Führung vom „Gnadentod“.

Die Angehörigen erhielten Beileidsbekundungen mit erfundenen Todesursachen. Auf Dauer ließ sich das unmenschliche Vorgehen jedoch nicht geheim halten. Hinterbliebene, sowie einige Kirchenvertreter und Teile des Heimpersonals sprachen sich vehement gegen das Morden aus. Obwohl Hitler zuvor wohl noch gehofft hatte, dass Widerstände von kirchlicher Seite „in dem allgemeinen Kriegsgeschehen nicht dieselbe Rolle spielen würden wie sonst“, wurde 1941 die zentral organisierte Aktion eingestellt. Das Töten ging allerdings weiter – durch bewusste Unterernährung oder Überdosierungen.

Dietrich Allers, der T4-Geschäftsführer, setzte seine Erfahrung aus dem Euthanasie-Programm anschließend auch für die Ermordung von Juden und Roma auf polnischem Gebiet ein. Nach dem Krieg kam er in ein Lager der Alliierten und später in deutsche Untersuchungshaft. Die deutsche Justiz ließ ihn 1949 ohne Anklage laufen und Allers wurde kurz darauf entnazifiziert. Zwei Jahre später kandidierte er für eine Neo-Nazi-Partei – die „Sozialistische Reichspartei“, die jedoch schon im Jahr darauf vom Bundesverfassungsgericht verboten wurde. 1972 wurde er zwar zu einer mehrjährigen Strafe verurteilt, blieb durch Anrechnung der Untersuchungshaft allerdings auf freiem Fuß.

Mit den Stolpersteinen will der Künstler Gunter Demnig den zahllosen Opfern der NS-Diktatur ihre Namen zurückgeben. 1992 startete das Projekt in Köln. Der erste Stein in Berlin, im Bezirk Kreuzberg, ist von 1996. Der Stolperstein für Paul Tertig in Heiligensee wurde im Mai 2004 verlegt. Ebenso der für Frieda Wessel im Wesselburer Weg 2a. Sie kam 1935 mit einer Schizophrenie-Diagnose in die Wittenauer Heilstätte, die heutige Bonhoeffer-Klinik. Die Mutter von zwei gesunden Söhnen wurde gegen ihren Willen sterilisiert und daraufhin aus der Anstalt entlassen. Knapp zwei Jahre später wurde sie unangemeldet abgeholt und erneut eingewiesen. Auch sie wurde im Zuge der Aktion T4 durch Gas umgebracht.bod

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