Im Transit ab durch die Mitte

„Seinerzeit – ein Reinickendorfer erinnert sich“

297
Archiv-Bild der Reinickendorfer Straße mit U-Bahnstation in schwarz-weiß
Reinickendorfer Straße am 19. August 1963 - Foto: BVG

Reinickendorfer Straße. „Letzter Bahnhof im Westsektor“, so plärrte es aus den Stationslautsprechern zu Beginn einer Geister-Bahn(hofs)fahrt auf der U-6 von Tegel Richtung Britz durch Berlins Ostsektor zu Teilungszeiten von 1961 bis ‘89.

Nachdem sich die Zugtüren geräuschvoll geschlossen hatten, begannen fünfeinhalb gruselige Durchfahrminuten unter dem Pflaster Ost-Berlins. Manche Mitfahrer mögen morbid-wohlige Schauer verspürt haben, anderen brach der Angstschweiß aus, aber ich als Achtjähriger konnte mich am Wagonfenster nicht sattsehen. „Immer einen Westausweis und auf keinen Fall Springerpresse dabei haben“, so lauteten erwachsene Reise-Ratschläge der ersten Teilungsjahre, die sich nach 1971 indes erübrigt hatten, weil die Ostgrenzer sich in der Regel daran hielten, Transitzüge nicht zu behelligen.

Und schon rumpelten wir drei dusteren Bahnhofs-Durchfahrten entgegen: Walter-Ulbricht-Stadion, Nordbahnhof, Oranienburger Tor. Alle ohne Halt, mit Drosseltempo durch spärlich befunzelte menschenleere Bahnsteige. Mitunter tauchte die Silhouette eines Grenzers auf, der hier unten unfreiwillig den Erschrecker geben musste. Nach fünfeinhalb dunklen Rumpelminuten unvermittelt gleißendes Licht mit gelängtem Zwischenstopp im Umsteigezentrum Friedrichstraße. Dann nochmal viereinhalb Minuten Dunkelstrecke von Friedrichstraße über Französische Straße und Stadtmitte bis das rettende West-Ufer der Kochstraße erfahren war.

Rettendes Ufer? Nicht für alle Zug-Insassen. Denn im Wieder-Westberlin bestieg nun bundesdeutscher Zoll den Zug. Dessen grün Uniformierte hatten es auf Fahrgäste mit ausgebeulten Tüten und Taschen abgesehen. Grund der Ermittlungen waren die sogenannten Intershops auf den S- und U-Bahnsteigen der Friedrichstraße. Zollfrei, aber illegal konnten sich Westler hier gegen harte D-Mark stangenweise mit Marlboros, HBs oder Hochprozentigem eindecken, was auf der Westseite hohe Nachzölle und Anzeigen nach sich ziehen konnte.

Apropos Knotenpunkt Friedrichstraße: Wer eine Schippe Abenteuer drauflegen wollte, konnte hier von den gelben Zügen der BVG auf die rot-mostrichbraunen und nach DDR-Pressspan riechenden Züge der S-Bahn umsteigen. Durch ein Tunnel-Labyrinth gelangte man zur Nord-Süd-Bahn oder rolltreppte hoch Richtung Spandau. Im ebenerdig angrenzenden „Tränenpalast“ befand sich ein Interzonen-Übergang als ideales Einfallstor in Sachen Grenzschleusungen ─ beispielsweise für Stasi-Agenten. Hoch oben über den nicht selten schon angeheiterten Umsteigenden und Intershoppern patrouillierten unter den Bahnhofshallen-Oberlichtern bewaffnete DDR-Grenzer ─ eine Szenerie, wie sie der Architekt einer absurden Oper nicht bizarrer ins Bühnenbild hätte setzen können.

Gut sieben Monate nach dem Mauerfall hatte der Transit-Spuk ein Ende. Der reguläre Fahrbetrieb wurde am 1. Juli 1990 wieder aufgenommen und der Autor erinnert sich an die schaurig-bildmächtigen Episoden aus seiner Frontstadt-Kindheit.Conny Chronowitz

Der U-Bahnhof Reinickendorfer Straße am 3. Mai 1962 Fotos (2): BVG