Der „Gummikönig“ von Berlin

Gerhard Schmitz hat Kondome salonfähig gemacht

219
Mann mit Sonnenbrille
Gerhard Schmitz war der Gummi-König von Berlin Fotos (2): kbm

„Welches Schweinderl hätten‘s denn gern?“ fragte seit den 1950er Jahren Quizmaster Robert Lembke beim „Heiteren Beruferaten – Was bin ich?“. Frage und Sendung im Ersten Fernsehprogramm waren Kult und die Nation klebte am Bildschirm, wenn prominente Quizzer den Beruf eines Unbekannten erraten wollten. Für jedes „Nein“ gab es 5 D-Mark ins Sparschwein, mit maximal 50 natürlich kein Vergleich mit den heutigen Gewinnsummen.

Der Hermsdorfer Gerhard Schmitz hätte mit seinem Beruf den Jackpot wohl geknackt, denn er war der erfolgreiche „Gummi-König“ von Berlin, belieferte einerseits Selbstbedienungskunden in über 1.000 Warenverkaufsautomaten für Kondome, andererseits Kunden mit Direktbesuchen „bis an die Bettkante“ – überwiegend im spannenden Rotlichtmilieu. Das wäre Stoff für viele Filmstunden.

Aber wie wird man „Gummimann“, wie die „Abendschau“ ihn nannte? Kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges betrat Vater Eugen Neuland und gründete die Firma „Garantex“, um sein Finanzamts-Salär aufzubessern. Später fusionierte er mit „Dublosan“ und vertrieb die gleichnamige Salbe zum Verhindern von Geschlechtskrankheiten sowie Präservative. Während die Salbe auf See jahrzehntelang als Pflicht galt, war der Vertrieb der anrüchigen Kondome an Land eher mühsam.

„Dublosan“ gehörte selbstverständlich zur Standardausrüstung vieler Schiffe, eine Verordnung der deutschen Schifffahrt zum Schutz der Mannschaft schrieb für jeden Matrosen ein Kondom in der Schiffsapotheke vor. Damit die Kunden an Land diskret an das Produkt für die Liebe kommen konnten, stellte er als Erster in West-Berlin Automaten auf.

In der Wirtschaftswunderzeit hatten die Söhne Gernot und Gerhard Visionen und übernahmen das Geschäft. Ergänzt um ihre Erfahrungen aus eigenen Firmen brachten sie es mit viel Fleiß, unkonventionellen und innovativen Ideen zu beachtenswerter Blüte. Die Automaten wurden nicht nur in Bedürfnisanstalten (Café-Achteck) aufgestellt, sondern auch in den Sanitärbereichen von Hotels, Gaststätten, Bahnhöfen und den West-Berliner Airports.

Nicht nur Bundeskanzler Adenauer und Geheimagenten erkannten die Vorzüge eines Autotelefons, auch die Schmitz-Brüder leisteten sich diesen Luxus – als eine der Ersten im Lieferfahrzeug für schnelle Kundenkontakte und Notfälle. Nach dem frühen Tod des Zwillingsbruders führte Gerhard das boomende Geschäft mit doppeltem Einsatz und Hilfe der inzwischen entwickelten EDV-Systeme allein weiter.

Durch die Aufklärung über Gesundheit in Aids-Zeiten entfielen die früheren Bannmeilen um Kirchen und Schulen. Die Anzahl der Automaten erreichte bald die Schallgrenze von 1000 und konnte nur noch mit Hilfe gut geschulter Mitarbeiter betreut werden. Für Neuentwicklungen war die West-Berliner Insellage eine ideale Wirtschaftswunder-Testwiese. Das erkannte auch der Kondom-Weltmarktführer Durex (LONDON) mit dem Slogan für Erlebnis-Kondome: „Come 2gether. Die machen Spass, wenn‘s ernst wird.“ kbm