Überlebenskampf mit Hindernissen

Das Kastanienwäldchen hält sich seit nunmehr neun Monaten über Wasser

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Mann in Gastronomieküche
Norbert Raeder in seiner neuen, mehrere tausend Euro teuren Küche. Sein Lokal musste trotzdem im Lockdown schließen. Foto: fle

Reinickendorf – Eine Kneipen-Demo samt Klage, ein Hausverbot für Berlins Regierenden Bürgermeister Michael Müller und viele Aktionen vor der Tür – Norbert Raeder, Inhaber der Kneipe, Tanzbar und Eventlocation „Kastanienwäldchen“ in der Residenzstraße 109, legte 2020 einen unerschöpflichen Erfindungsreichtum an den Tag, um den harten Lockdown im Frühjahr und die komplizierten Folgemonate mit Kneipen-Zwangsschließung, unzähligen Diskussionen mit Ämtern und Umbauten seines Kastanienwäldchens finanziell zu durchstehen und nicht unterzugehen.

Doch auf die riesigen Anstrengungen folgten immer wieder Niederlagen. Schwere Zeiten, in denen der Gastwirt mehr als einmal vor dem Zusammenbruch stand. Doch zu verzweifeln, hilft nicht – weder ihm noch seinen Mitarbeitern, die er in all den Monaten aufgrund von immer neuen Geschäftsideen weiterbezahlen konnte.

Während sonst im Kastanienwäldchen getanzt, gesungen und geschunkelt wird, gleicht der Saal mit Bühne einer Kleiderkammer. Überall Kartons mit gespendeter Kleidung, dazwischen drei Heizpilze und diverse andere Utensilien.

Schnell wird offensichtlich: Hier hat schon lange niemand mehr getanzt und kein Auftritt mehr stattgefunden. „Eins ist klar: Mein Hauptgeschäft, was ja die Livemusik und das Tanzen ist, ist seit März geschlossen, und ich bin im neunten Monat in einer katastrophalen Situation. Um wenigstens ein wenig Geld in die Kasse zu kriegen, öffnete Raeder einen Eisstand. „Die Unterstützung der Menschen war gigantisch – das sieht man an den dicken Bäuchen, die sie vom Eis-Essen bekommen haben“, sagt er. Auch über die kalte Jahreszeit machte er sich frühzeitig Gedanken – Glühwein- und Crêpes-Stand mussten her.

Doch er wollte auch das Kastanienwäldchen wieder öffnen. Dafür hatte Norbert Raeder alle Auflagen eingehalten und sogar eine mehrere tausend Euro teure Küche eingebaut, um wieder öffnen zu können. Über Monate hat der engagierte Unternehmer gekämpft und sich bemüht, Heizpilze besorgt und Zelte auf dem Hof aufgebaut, damit die Menschen den Abstand einhalten konnten. Dann war die Küche – endlich nach viereinhalb-monatigem Hin und Her – abgenommen. Plötzlich war die Tür Stein des Anstoßes, da sie als Fluchttür nach außen aufgehen muss. Dabei gibt es gegenüber eine nach außen schwingende Fluchttür ins Freie. Von weiteren und neuen Auflagen, Gesprächen, Schreiben und Telefonaten zermürbt, von der Politik zutiefst enttäuscht, erhielt er endlich seine langersehnte Genehmigung.

„Die hielt ich am 1. November in den Händen, nur wenige Stunden später wurde der nächste Lockdown samt Schließung aller Restaurants verkündet. Das war ein Moment, wo ich fast zusammenbrach“, sagt er. Schließlich wolle er seine Mitarbeiter weiterhin bezahlen. Einer von den treuen Mitarbeitern ist Dennis Trapp: „Ich bin im achten Jahr bei Norbert tätig und finde es großartig, wie er kämpft und versucht, uns alle weiterhin durchzubringen.“

Aufgeben steht für Raeder nicht zur Debatte – und er erhält von vielen Menschen tatkräftige Unterstützung. So kommen auch Freunde aus anderen Bezirken, aus dem Umland und sogar aus Bremen, um dem Team des Kastanienwäldchens unter die Arme zu greifen, und durch den Kauf einer Bratwurst oder einem Crêpe mit Glühwein ein wenig finanzielle Unterstützung zu leisten.

Das ist immer sonntags bis donnerstags von 14 bis 19 Uhr sowie freitags und samstags bis 20 Uhr möglich. „Wir werden alles versuchen, damit das Kastanienwäldchen schrittweise über den nächsten Monat und somit bis ins nächste Jahr überlebt“, sagt Raeder.

fle