Corona-Ampeln sind „reine Schnapsideen“

Amtsarzt Dr. Patrick Larscheid freut sich über die Hilfe der Bundeswehr

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Soldaten im Büro
Helfer in olivgrün: Die Bundeswehr unterstützt die Gesundheitsämter mit Manpower. Foto: bs

Reinickendorf – Früher kurierten sich Kranke im Badehaus des ehemaligen Humboldtkrankenhauses an der Teichstraße aus. Heute sitzen hier Bundeswehrsoldaten an langen Tischen und verfolgen Corona-Infektionen mit Telefon, Computer und handschriftlichen Listen. Vor Hauptfeldwebel Tobias Wöhler liegt eine umfangreiche Reihe von Namen. Er schaut kurz auf. Wöhler ist sehr zufrieden mit seiner Arbeit im Gesundheitsamt Reinickendorf, auch die Kollegialität gefalle ihm. Er ist einer von 22 Soldaten, die sich freiwillig für den Dienst in dieser Zeit der steigenden Corona-Zahlen gemeldet haben.

Der Chef des Gesundheitsamtes Patrick Larscheid steht bei diesem Gespräch etwas abseits und betont danach, dass sich hier alle duzen: „Bei uns gibt es keinen Dünkel, auch wir Ärzte machen Fehler und sind keine Heiligen.“ Sein Stammpersonal ist mittlerweile auf 165 Personen aufgestockt worden. Er braucht Menschen mit einem „hohen Maß an Pfiffigkeit“. 35 Mitarbeiter kommen aus ganz verschiedenen Bereichen des Bezirksamtes. Dazu kann er auf die Bundeswehrsoldaten zurückgreifen, die er „für außerordentlich geeignet hält“, dem Corona-Virus in Reinickendorf nachzuspüren.

Die in den vergangenen Wochen gestiegenen Zahlen der Corona-Infektionen auch im Bezirk Reinickendorf lässt Larscheid nicht verzweifeln. Aber es wird für sein Team immer schwieriger, Infektionsherde zu identifizieren und Maßnahmen einzuleiten. Es kämen „Fälle aus dem Nichts“, die sich „wild verteilten“. Er fordert die Bevölkerung auf, die einfachen Regeln Abstand, Hygiene und Maske zu beherzigen. Larscheid erklärt, dass es für eine Infektion einer engen körperlichen Nähe zum Infizierten und einer großen Aufnahme von Viren über einen gewissen Zeitraum bedarf.

Larscheid hat auch eine klare Meinung zu den drei Corona-Ampeln, die der Senat täglich aktualisiert. Zwei der Ampeln bezeichnet er als „reine Schnapsideen“. Den R-Wert, der anzeigen soll, wie viele Menschen ein Infizierter im Durchschnitt ansteckt, hält er aus virologischer Sicht für eine hochkomplexe Angelegenheit, die „in Deutschland nur wenige Menschen verstehen“. Zur Information der Allgemeinheit hält er auch die Prozentzahl, wie viele der Betten auf den Intensivstationen mit Corona-Kranken belegt sind, für irreführend. Diese Ampel zeige die Intensität des Infektionsgeschehens vor 3 bis 4 Wochen, die man „nur noch zur Kenntnis nehmen kann“.

Auch an der dritten Ampel mit dem 7-Tage Inzidenz-Wert, der über die Anzahl der Infizierten auf 100.000 Einwohner in den vergangenen 7 Tagen informieren soll, hat Larscheid etwas auszusetzen. Die viel diskutierte Zahl von 50 sei „ein willkürlich festgesetzter Wert“, der keine wissenschaftliche Grundlage habe. Er empfiehlt, sich von solchen „scheinbaren Hilfsmitteln nicht beirren zu lassen.“ Eigentlich habe sich in den vergangenen 6 Monaten bei allem Auf und Ab der Zahlen nicht viel verändert. Die Infektionsgefahr ist gegeben und muss mit den bekannten Maßnahmen bekämpft werden. Die meisten Bürger machen es aus seiner Sicht „recht gut“.

Als Chef eines mittlerweile stark gewachsenen Teams, ist sich Larscheid seiner Verantwortung für seine Mitarbeiter wohl bewusst. Er betont, wie engagiert bis tief in den Abend hinein gearbeitet werde und auch an den Wochenenden. Er freut sich über Mails von dankbaren Bürgern Reinickendorfs und anderen Anerkennungen, die sein Team erfährt. Vereinzelt wollen Menschen auch Süßigkeiten oder Kuchen vorbeibringen. Trotz aller behördlichen Auflagen für Geschenke sieht Larscheid das ganz pragmatisch: „Wenn jemand etwas schenken möchte, kommt er einfach in die Teichstraße 65 zum Gesundheitsamt im Haus 4. Da wird es schon einen Abnehmer geben.“bs

Amtsarzt Dr. Patrick Larscheid, Foto: bs