Würdig feiern in der Pandemie

Die Trauer- und Sterbekultur befindet sich gerade im Wandel

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Friedhofsgärtnerei Gerull: Engel liegen im Trend. Foto: du

Bezirk – Für jeden neuen Sonnenschein, der in diese Welt geboren wird, muss ein alter Stern erlöschen – und dies in größtmöglicher Würde. Doch das mit dem Würde wahren ist in Corona-Zeiten gar nicht so einfach: Beispielsweise kann die Friedhofsverwaltung Reinickendorf mit ihren neun aktiven Friedhöfen derzeit keine leibhaftige Sprechstunde anbieten. Und in den Feierhallen finden derzeit nur zwischen zehn und 20 Trauergäste Platz. Auch das Versammeln an einer Grabstelle ist derzeit auf 50 Personen beschränkt.

Dazu erklärt Bezirksstadträtin Katrin Schultze-Berndt (CDU): „Unter Berücksichtigung der notwendigen Maßnahmen und Regelungen zur Eindämmung des Corona-Virus finden die Beisetzungen und Bestattungen weiterhin in einem würdevollen Rahmen statt. Ich danke den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die in der schwierigen Situation unter Corona-Bedingungen einfühlsam und umsichtig Trauerfeiern ermöglichen“.

Doch von derlei sowie weiteren Einschränkungen sind auch Zulieferer und externe Dienstleister betroffen: Anbieter von Trauerkleidung, Copyshops und Druckereien sowie natürlich Bestattungsunternehmen müssen sich auf die neue Situation einstellen. Einige begegnen der neuen Sachlage mit zeitgemäßen Kommunikationsmitteln sowie großer Kreativität.

So bietet beispielsweise Otto Berg, Reinickendorfs größter Traditionsbestatter, ein virtuelles Gedenkportal mit Trauergruppe an. Hierzu richtet das Unternehmen für seine Auftraggeber eine kostenlose persönliche Online-Gedenkseite ein, auf der Verwandte und Freunde virtuelle Kerzen entzünden oder auch Fotos hochladen können. Dieses Angebot klingt zwar im ersten Moment gewöhnungsbedürftig, wird aber zunehmend genutzt. Vor allem angesichts der starken Einschränkungen des Flugverkehrs von auf mehrere Länder verteilen Familien.

Ein anderes Technik-Tool ist das Livestreaming von Trauerfeiern. Auch hier hat man bei Otto Berg gute Erfahrungen gemacht. Die Kollegen von Poeschke-Bestattungen sind inzwischen sogar dabei, eine Live Übertragung vom St. Hedwigs-Friedhof an der Ollenhauerstraße zu produzieren.

Ebenfalls zeitgemäß, aber unabhängig von Corona ist der digitale Nachlass. Schließlich hinterlässt jeder, der das Internet zu Lebzeiten nutzte, nach seinem Tod eine digitale Identität. Da müssen Mitgliedschaften gekündigt, Verträge und Abos storniert werden – inklusive dezenter Löschung vorwiegend männlicher Nutzerkonten, mit denen die Witwe nichts zu tun haben will.

Weniger betroffen von aktuellen online-Trends ist man hingegen in der Friedhofsgärtnerei Gerull in der Humboldtstraße. Hier gehen dieses Jahr mehr Engel und Dauerkerzen über den Verkaufstresen. Überwiegend haben Beate Keilhack und ihre drei Mitarbeiter im Trauermonat November jedoch mit Grabschmuck und beim Winterfestmachen von Grabstellen alle Hände voll zu tun. Damit die Sterne des Gedenkens auch zur Winterzeit weiter strahlen können. du

Beate Keilhack mit einem prächtigen Grabschmuck Foto: du