Wenn die Klappe fällt, ist das WC nicht benutzbar

Die Geschichte rund um das marode Abwassersystem in der Cité Guynemer will einfach kein Ende finden

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Mann vor Zaun
Gerd Pätzold vor dem Hebewerk Foto: bs

Tegel – Gert Pätzold ist ein zäher Bursche. Im Alter von 73 Jahren lief er seinen letzten Marathon. Jetzt beschränkt er sich mit 77 Lenzen auf eine jährliche Radtour: Tausend Kilometer in zehn Tagen. Die Fortsetzung eines anderen Marathons bleibt ihm aber nicht erspart. Nach seiner Pensionierung im Jahr 2000 haben seine Frau und er ein Haus in der Cité Guynemer gekauft. Seitdem kämpft er darum, dass sein Keller nicht mehr von „Fäkalwasser“, wie er es höflich nennt, heimgesucht werden kann.

In einer Interessengemeinschaft haben 30 Anwohner vor Gericht durchgesetzt, dass auch künftig die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, kurz BImA, als frühere Eigentümerin der Grundstücke dafür sorgen muss, dass das Abwassersystem funktioniert. Das tat es in der ursprünglich von den Franzosen gebauten Siedlung häufig nicht. Pätzold steigt in den Keller und zeigt in einem Schacht die vor etlichen Jahren eingebaute Rückstauklappe, die im Falle eines Versagens des Abwasser-Pumpwerks verhindern soll, dass das Schmutzwasser in seinen Keller zurückflutet. Wenn aber die Klappe fällt, kann im ganzen Haus keine Toilette benutzt werden.

Erst als sich Jörg Stroedter und Ulf Wilhelm (beide SPD) massiv für die Bewohner in der Cité Guynemer einsetzten, kam etwas Bewegung in die unendliche Geschichte. Im vergangenen Jahr wurde immerhin die Pumpe im Hebewerk repariert. Allerdings sollte das nur ein Anfang sein, das insgesamt marode System zu erneuern.

Die Abwasserrohre sind von den Franzosen kreuz und quer unter dem Gelände verlegt worden und nicht, wie in Deutschland üblich, am Rand öffentlicher Straßen. Und das ist der Kern des Problems: Die Straßen in der Cité Guynemer sind nicht „gewidmet“. Das heißt, sie sind nicht in öffentlicher Hand, und somit können die in städtischem Eigentum befindlichen Wasserbetriebe nicht beginnen, neue Rohre im Straßenverlauf zu verlegen.

„Seit 20 Jahren tut der Bezirk nichts“, entfährt es Pätzold. Er räumt ein, dass ihm beim Kauf des Hauses gesagt wurde, dass das Abwassersystem sanierungsbedürftig sei, aber auch, dass die „Widmung der Straßen unmittelbar bevorstehe“. Er ist bereit, seinen Anteil bei den dann notwendigen Sanierungsarbeiten beizusteuern. Seine Frau und er haben dafür Euro 20.000 zur Seite gelegt. Die Rechtslage, wem die Straßen zurzeit gehören, werde verschleiert und der ganze Prozess der Erneuerung des Abwassersystems seit Jahren auf die lange Bank geschoben.

Ulf Wilhelm hat als Vorsitzender des Ausschusses für Stadtplanung in der Bezirksversammlung dieses Jahr einen neuen Anlauf genommen, das Thema der Übernahme der Straßen auf die politische Tagesordnung zu setzen. Er ist damit aber gescheitert. Alle Fraktionen, außer der SPD, haben sich gegen eine Widmung der Straßen in der Cité Guynemer ausgesprochen. Eine gewisse Verzweiflung macht sich bei Wilhelm breit: „Mir geht es um die Menschen, denen geholfen werden muss.“ Aufgeben will er aber nicht, mitten in Berlin für ein modernes Abwassersystem zu sorgen.

Die Bezirksverordnetenversammlung hat Bürgermeister Balzer (CDU) gebeten, ein Gespräch mit den Anwohnern zu führen. Auf Anfrage ließ der Bezirksbürgermeister über das Bezirks­amt verlautbaren: „Herr Balzer hat zugesagt, für ein direktes Gespräch mit den Anwohnern bezüglich der Straßenproblematik zur Verfügung zu stehen.“ Auch das Bezirksamt befindet, dass die Straßen und die Infrastruktur in einem „desolaten Zustand“ seien. Der Bezirk würde die Straßen aber nur übernehmen, wenn die BImA als frühere Eigentümerin diese „entsprechend den Anforderungen an eine öffentliche Straße“ neu herstellten und in diesem Zusammenhang „auch eine Neuordnung des unterirdischen Raumes und eine Übernahme der Anlagen durch die öffentlichen Leitungsnetzbetreiber und Telekommunikationsunternehmen erfolgt“. Nach einer schnellen Lösung hört sich das nicht an.

bs