„Wir ernten, was wir säen“

Interview mit Christian Biadadcz – Mitglied der Bürgerinitiative „Schule in Not“ Bezirk Reinickendorf

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Menschen in Klassenraum
Christian Biadacz (2.v.l.) bei der Dikussionsveranstaltung zur Rekommunalisierung der Reinigungskräfte im August Foto: dsd

Bezirk – Bisweilen verbringen Schüler und Schülerinnen bis zu acht Stunden täglich in der Schule. Im Klassenzimmer wie auch in den anderen Räumlichkeiten der Schule sollten sich die Mädchen und Jungen daher wohlfühlen. Wichtige Grundlagen dafür sind unter anderem Sauberkeit und Ordnung. Beides wirkt sich auf die Lern- und Arbeitsatmosphäre aus. Die Qualität im Lebensraum Schule zu verbessern, das ist ein Anliegen von Christian Biadacz. Er ist Mitglied und Unterstützer der Bürgerinitiative „Schule in Not“ im Bezirk Reinickendorf und Gesamtelternvertreter an der Bettina-von-Arnim-Schule. Die RAZ sprach mit ihm.

Wie schmutzig sind die Reinickendorfer Schulen?

Wie dreckig oder wie sauber sie sind, beziehungsweise wie man Sauberkeit definiert, darum ging es auch schon in den Diskussionen zu unserem Einwohnerantrag. Es fängt ja schon dabei an, dass angemietete Reinigungsdienstleister in den Ferien nicht zur Grundreinigung erscheinen oder diese in einem Zeitrahmen erledigen wollen, in dem das nicht möglich ist, wie uns mehrfach von Hausmeistern berichtet worden ist. Es werden auch alltägliche Reinigungsleistungen gar nicht erbracht, denen die Hausmeister und Schulleitungen dann zeitaufwendig hinterherrennen. Am Ende des Tages ist „alles wahnsinnig oberflächlich“ gereinigt. Eine Aussage, die ich mehrfach von den Schulen gehört habe. Und das ist der Standard, den wir unseren Kindern zeigen – unser Vorbild. Ob das nun oberflächlich sauber oder oberflächlich dreckig ist …

In den Schulen wird doch gereinigt. Woher rühren die Missstände?

Ja, da sind Menschen, die sich mit der Reinigung vor Ort beschäftigen. Aber es sind auch Menschen im Hintergrund, die darauf schauen, dass mit dieser Beschäftigung so viel Geld wie möglich verdient wird. Es ist nämlich eine Leistung, die dem Prinzip der Wirtschaft und damit der Gewinnmaximierung unterworfen wurde. Und wo wird gerne als erstes gespart… ? Muss ich gar nicht beantworten. Und da sind wir beim Kern des Problems: Wer putzt denn vor Ort? Es sind Menschen, die oft für den Mindestlohn arbeiten und nicht gewerkschaftlich organisiert sind. Sie haben keine Stimme. Wir sehen sie auch nicht. Sie arbeiten, wenn der Schulbetrieb zu Ende ist. Der Bezirk hat sich bisher auch nicht um deren Situation gekümmert, man verlässt sich dort auf die gesetzlichen Vorgaben. Wir behandeln sie nach Mindeststandards und genau das ist es natürlich auch was wir bekommen. Eine aktuelle Metapher zum Erntedankfest: Wir ernten, was wir säen.

Wie sehen die Putzkonzepte an den Schulen durch die Reinigungsfirmen aus? Verschiedene Firmen, verschiedene Konzepte?

Es gibt einen Leistungskatalog, der abgearbeitet werden muss. Dafür erhält man eine bestimmte Menge an Geld. Ich kenne die Konzepte nicht. Ich kenne aber die Ergebnisse: Probleme und Frust. Ich kenne aber auch andere Reaktionen: Stolz und Zufriedenheit. Diese stammen von Stadtverwaltungen, die die Reinigung ihrer öffentlichen Gebäude wieder selbst organisieren. Wilhelmshaven, Düsseldorf oder Freiburg haben gezeigt, dass man mit ähnlichem Budget hervorragende Reinigungsergebnisse zustande bringt. Wie? Reinigungskräfte werden festen Schulen zugeordnet, in denen sie sich auskennen und in direktem Kontakt zur Schule stehen. Man achtet auf gute, leistungsgerechte Bezahlung, berufsspezifische Weiterbildungsangebote, bei Bedarf Sprachkurse. Auch die Einbettung in den Schulbetrieb zeigt Wertschätzung und befördert eine Identifizierung mit dem Arbeitsort. Man legt ganz einfach wert auf Qualität. Ein Wort, das in den Ausschreibungen des Bezirks bisher nicht auftaucht.

Wäre es eine denkbare Option, wenn sich bezirksübergreifend auf gemeinsame Musterausschreibungen festgelegt würde, in der Reinigungsstandards und Arbeitsbedingungen fest umschrieben werden?

An den Leistungskatalogen wird ja ständig herumgewerkelt. Die Privatisierung ist knapp 30 Jahre her, und wir haben einen Scherbenhaufen. Egal was wir tun – weiterhin würde nicht die Qualität im Vordergrund stehen, sondern der Gewinn des Dienstleisters. Das ist Wirtschaft, sorry. Weiterhin hätten wir einen riesigen Energieaufwand in der Qualitätskontrolle, die am Ende an Hausmeistern und Schulleitungen hängen bleibt. Es bedeutet natürlich auch höhere Ausgaben. Die kraftlose Position der Reinigungskräfte bleibt bestehen. Niemand kontrolliert, ob Zeitzugaben und Geldvorteile an die Angestellten weitergegeben werden. Weiterhin bestünde keine direkte Kommunikation, weiterhin hätte man es mit häufig wechselndem Personal und zeitaufwendigen Neueinweisungen zu tun. Weiterhin würden wir uns mit Problemen beschäftigen, anstatt auf unsere sauberen Schulen stolz zu sein. Mir fällt gar kein Grund ein, nicht zu rekommunalisieren.

Wie sieht die bisherige Kooperation mit dem Bezirks­amt aus? Was würden Sie sich wünschen?

Zunächst einmal möchte ich sagen, dass alle mit denen ich zu tun hatte sehr freundlich waren. Aber tatsächlich war die Unterstützung minimal. Meine Anfragen zur Situation wurden mit dem Hinweis abgewiesen, dass diese die Auskunftspflicht übersteigen würde. Gerade der zuständige Bezirksstadtrat und Leiter der Abteilung Jugend, Familie, Schule und Sport Tobias Dollase beharrt auf seiner Position, es gäbe keine nennenswerten Probleme bei der Schulreinigung und schlug unser Angebot einer gemeinsamen Recherche aus. Dabei ist es genau das was fehlt: das Hinschauen und das sich Kümmern. Aber jemand muss es tun. Deswegen machen wir das.

Danke für das Gespräch.

Interview Anja Jönsson