Ein Hort der „Hidden Champions“

Die südliche Roedernallee bietet einen Mix aus Historie und moderner Industriekultur

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Menschen vor Zaun
Björn Berghausen (4.v.l.) vom Berlin-Brandenburgischen Wirtschaftsarchiv weiß fast alles über Reinickendorfs Industriegeschichte. Foto: du

Reinickendorf – Nein, es geht hier um keine Pilzzucht, sondern um die Durchfahrtstraße, die nach Graf von Roedern benannt ist. Besagter Blaublüter hatte sich vor über einem Jahrhundert um die Infrastruktur verdient gemacht. Hier siedelten sich mittelständische Industriebetriebe an. So bietet die südliche Roedernallee mit ihren „hidden champions“ seit jeher einen Mix von Historie und Industriekultur der Gegenwart.

Den Ausgangspunkt der einstündigen Tour bildet der verwunschene S-Bahnhof Alt-Reinickendorf von 1893, dem Startjahr der Kremmener Bahn mit weitgehend zurückgebauten Güterbahnhof. Merkwürdigerweise verfügt die Station nur über einen Südausgang, aber im 125. Jubiläumsjahr soll’s mit einem nördlichen Zweitausgang vielleicht noch was werden…

Der nordwärts gelegene Gewerbehof in der Thyssenstraße 7–17 steht für Industriearchitektur des Jahres 1956. Bauherr war Karl Steinhof, der Anfang der 50er Jahre seinen „Knittax“-Handstrickapparat entwickelt hatte. Unterstützt von Marshall-Plan und Berlin-Förderung avancierte Steinhofs flotte Masche zum Erfolgsprodukt, das bis heute – siehe eBay – Kultstatus genießt. Allerdings ließ die Markt-Sättigung mit den unkaputtbaren Apparaten in den 1960er-Jahren die Nachfrage sinken und führte „Ritsch-Ratsch“ in den Konkurs.

Wieder am Ostufer der Roedernallee sind innovative „Seilschaften“ am Werk: Die Berliner Seilfabrik fertigt Klettergeräte. Ihren Ursprung hatte die Firma in der 1865 gegründeten Draht- und Seilfabrik für Kran- und Aufzughersteller. Nach Wegfall der Berlin-Förderung kaufte der Werksleiter die Klettergeräte. Inoffizielles Motto: „Na denn man Tau“.

Auf dem Grundstück Roedernallee 16 etablierte sich in den 1930er-Jahren die ehemalige Margarinefabrik Albako. Der sich anschließende markante Industriebau Roedernallee 8 geht auf Eduard Becker zurück. Dieser gilt als Pionier des Kranbaus sowie des 1856 gegründeten Vereins Deutscher Ingenieure (VDI). Derzeit wird das Kranbecker-Gelände vom Nedschroef-Konzern genutzt, der bislang Befestigungsteile für den Autobau herstellt.

Am S-Bahnhof Reinickendorf endet die Tour – vielleicht in zwei Jahren über einen Nordausgang. Mehr unter: www.bb-wa.de, Tel. 411 90 698.

du