Architekt mit Mut zur Lücke

Zum 70. Todestag des Baukünstlers Erich Blunck

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Haus
Die „Kleine Villa“ auf dem Gelände des Auswärtigen Amtes. Entworfen hat sie der Architekt Erich Blunck. Foto: bod
Straßenschild "Blunckstraße"
Nach Erich ist die Blunckstraße in Wittenau benannt. Foto: bod

Kaum war die Villa fertig, die der Architekt Erich Blunck im Auftrag des Großunternehmers Ernst Borsig entworfen hatte, war sie der Fabrikanten-Familie nicht mehr stattlich genug. Als der Industrielle 1909 in den Adelsstand erhoben wurde, wollte er auf dem malerischen Grundstück am Tegeler See einen Palast errichten lassen, der an Schloss Sanssouci erinnern sollte. Dafür engagierte er nicht mehr Blunck, sondern den damals sehr gefragten Architekten Eugen Schmohl.

Bluncks Kleinod lag nun im Schatten des pompösen Hauptgebäudes und wurde fortan als Gartenhaus oder „Kleine Villa“ bezeichnet. Heute beherbergt es Büros auf dem Gelände des Auswärtigen Amtes, dem heutigen Campus für die Akademie Auswärtiger Dienst, der nicht für die Öffentlichkeit zugänglich ist.

Das Licht der Welt erblickte Erich Blunck als mittlerer von drei Brüdern am 18. April 1872 im Städtchen Heide in Holstein. Später besuchte er das renommierte Lübecker Katharineum, einem Gymnasium mit fast 500-jähriger Geschichte als Lateinschule. In Lübeck besaß sein Vater ein Baugeschäft und Architekturbüro. Erich nahm sich den Vater zum Vorbild und kombinierte Theorie und Praxis: Bevor er sein Studium an der Technischen Hochschule zu Berlin begann, absolvierte er eine Maurerlehre. Als berufliches Ideal bezeichnete er Künstler, „denen das Bauen nicht nur Handwerk, sondern auch Seelenwerk ist.“ Nach dem Architekturstudium mit Auszeichnung unternahm er eine längere Studienreise nach Italien, Frankreich und Spanien. Mit 28 heiratete er, die Ehe brachte fünf Söhne und drei Töchter hervor.

Neben seiner Architektentätigkeit trat er in den preußischen Staatsdienst ein. An der Technischen Hochschule Berlin lehrte er praktische Denkmalpflege und wurde später Landeskonservator der Provinz Mark Brandenburg. Für seine Zeit ungewöhnlich bewies er bereits 1902 „Mut zur Lücke“, indem er bei Restaurierungen den Verzicht auf die komplette Übermalung von Wandmalereien forderte – vielmehr sollten die Stellen, an denen der Zahn der Zeit genagt hatte, sichtbar bleiben. Diese heute übliche Methode war sehr fortschrittlich. Dabei gehörte Blunck zu der traditionell ausgerichteten Architektengruppe Der Block, die die Neue Sachlichkeit ablehnte, und stattdessen forderte, neue Bauwerke dem regionalen Charakter anzupassen und möglichst Werkstoffe aus der Region zu verwenden. Besonders letztere Forderung wirkt heute wiederum sehr modern.

Auch als Autor machte er sich einen Namen – in mehreren Bänden beschrieb er preußische Kunstdenkmäler von Angermünde bis Königsberg. Zeitweise fungierte er als Herausgeber der „Deutschen Bauzeitung“. Fast 20 Jahre lang war er Professor an der Technischen Hochschule in Charlottenburg, bis er 1937 in den Ruhestand ging. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm er seine Lehrtätigkeit an der TU wieder auf. Am 14. September 1950 starb Erich Blunck, zwei Jahre nach seinem jüngeren Bruder Richard, Stadtbaudirektor in Berlin. Beide liegen auf dem Friedhof Steglitz begraben. Nach Erich ist die Blunckstraße in Wittenau benannt, die direkt am U-Bahnhof Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik liegt. Allein in Berlin stehen zehn seiner Werke unter Denkmalschutz, zu den bekanntesten zählen die Kirche Nikolassee und die Gebäude auf dem Friedhof Heerstraße.

bod