Die Kunst ist tot! Es lebe der Unsinn!

Die Erste Internationale Dada-Messe sorgte vor 100 Jahren in Berlin für Furore

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Das Wohnhaus von Hannah Höch in Heiligensee Foto: bod

„Ein Dadaismus gegen drei Mark und dreißig Pfennige Entree“, spöttelte Kurt Tucholsky über die Erste Internationale Dada-Messe, die bis August 1920 in einer Galerie am Lützowplatz stattfand – ein Ereignis, das in die Kunstgeschichte eingehen sollte.

Dass Hannah Höch ursprünglich nicht zur Teilnahme eingeladen wurde, war eigentlich ein Affront. Schließlich hatte die damals 31-jährige Künstlerin durch ihre ikonischen Fotocollagen die neue Kunstrichtung maßgeblich beeinflusst. Obwohl die neue Bewegung sich so frei und unkonventionell gab, war es für Frauen auch hier nicht einfach, sich gegenüber den männlichen Kollegen zu behaupten. Der Maler und „Propagandada“ George Grosz, einer der Hauptorganisatoren der Ausstellung, hätte Hannah Höch lieber nicht dabei gehabt. Der „Dadasoph“ Raoul Hausmann drohte jedoch mit seiner Absage und setzte durch, dass die Künstlerin am Ende mit mehreren Werken vertreten war.

Höch hatte Hausmann 1915 während ihres Studiums an der Kunstgewerbeschule in Berlin kennengelernt. Ihre siebenjährige Liebesbeziehung gestaltete sich schwierig, da er bereits Frau und Tochter hatte. Auf Dauer wollte Hannah Höch ihren Geliebten nicht teilen, doch sobald sie sich von ihm zurück zog, setzte er alles daran sie zurückzuerobern, ohne aber zu einer Scheidung bereit zu sein. Ihre künstlerische Zusammenarbeit indes war sehr fruchtbar: Sie gelten als Pioniere der Fotomontage, bei der durch das ungewöhnliche Zusammenstellen von Einzelteilen visuell überraschende Kunstwerke entstehen. Beide nahmen auch an den anarchischen Dada-Veranstaltungen teil, die zwar nicht dezidiert politisch waren, aber eindeutig Stellung gegen Nationalismus, Militarismus und die bürgerliche Obrigkeitshörigkeit bezogen.

„Was Dada ist, wissen nicht einmal die Dadaisten, sondern nur der Oberdada – und der sagt es niemandem!“ Oberdada war der Architekt und Aktionskünstler Johannes Baader. Ein Raum der Messe wurde von seiner fünfstöckigen Skulptur beherrscht, die den Titel trug: „Das große Plasto-Dio-Dada-Drama: Deutschlands Größe und Untergang“. Von Höch ist bis heute die ausgestellte Fotocollage „Schnitt mit dem Küchenmesser. Dada durch die letzte Weimarer Bierbauchkulturepoche Deutschlands“ das bekannteste Werk, eine Art Who-is-Who des Dadaismus.

Für Grosz und vier weitere Beteiligte hatte die Messe im April des folgenden Jahres ein juristisches Nachspiel. Unter anderem wurde seine Mappe „Gott mit uns“ mit militärischen Karikaturen und Zeichnungen als beleidigend eingestuft. Kurt Tucholsky, der die Kunst von Grosz schätzte, fand es enttäuschend, dass die Angeklagten beim Prozess ihre Kunst als Gag abtaten: „So sieht eure Verteidigung aus? Ihr habt es nicht so gemeint?“ Die Staatsanwaltschaft forderte sechs Wochen Gefängnis für Grosz wegen „grober Verunglimpfung des Reichsheeres in niederträchtiger Weise“, aber der Maler kam mit einer Geldstrafe von 300 Reichsmark davon.

Bereits ein Jahr später löste sich der Dadaismus auf, und die Künstler gingen verschiedene Wege. Hannah Höch missfiel es nur auf Dada reduziert zu werden, einer doch eher kurzen Phase in ihrem langen Schaffen, in dem sie immer wieder neue Ausdrucksmöglichkeiten suchte. Für einen Überblick über die Vielfältigkeit der produktiven Künstlerin, die von 1939 bis zu ihrem Tod 1978 in einem idyllischen Häuschen in Heiligensee wohnte, empfiehlt sich ein Besuch des Museums Reinickendorf. Dort gibt es seit November letzten Jahres einen Hannah-Höch-Raum.bod

Hannah Höch und Raoul Hausmann bei der Dada-Messe vor 100 Jahren. Foto: Archiv Berlinische Galerie/Robert Sennecke