Patrick Larscheid: Keine wahllosen Massentests

Der Amtsarzt berichtet über seine Erfahrung mit der Corona-Pandemie in den vergangenen Monaten

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Mann und Frau vor einem Zelt
Amtsarzt Patrick Larscheid und eine Mitarbeiterin Daria Santore vor dem Zelt der Corona-Abstrichstelle / Foto: bs

Reinickendorf – Eine junge Mutter mit drei kleinen Kindern betritt das Zelt der Corona-Abstrichstelle auf dem Gelände des Gesundheitsamtes Reinickendorf an der Teichstraße. Daria Santore vom Gesundheitsamt empfängt die Familie freundlich und nimmt die Personalien auf. Aus personen- und datenschutzrechtlichen Gründen ist das weitere Geschehen für den Beobachter in den nächsten Minuten nicht einsehbar, aber akustisch kann er es verfolgen.

Als bei den Kindern ein Hüsteln und kurzes Würgen zu hören ist, erklärt Amtsarzt Patrick Larscheid, das sei völlig normal und ein gutes Zeichen. Die Mutter habe die Wattestäbchen in den hinteren Rachenraum ihrer Kinder geführt und es richtig gemacht. Nur mit einer Überweisung eines Arztes oder auf Einladung des Gesundheits­amtes können sich Bürger hier auf das Corona-Virus überprüfen lassen. Larscheid hält gar nichts von wahllosen Massentests.

Er verlässt sich lieber auf seine 115 Mitarbeiter, die mit Telefonaten und Hausbesuchen Verdachtsfällen nachgehen und so mögliche Infektionsspuren in Reinickendorf auffinden. Er selbst macht dabei aktiv mit. Gerade kommt der Amtsarzt mit seinem Motorrad von einem Haus in der Nähe des Flughafens zurück. Noch beim Beiseitelegen seines Motorradhelms sagt er zufrieden: „70 Abstriche, aber keine Infektion.“ Von der neuen Corona Warn-App hält er nicht viel und hat sie selbst auch nicht auf sein Smartphone geladen.

„Schauen Sie mal,“ sagt Larscheid, „Sie gehen in ein Restaurant und hängen Ihre Jacke über die Stuhllehne, wie Ihre Nachbarin am nächsten Tisch auch. Sollte Ihre Nachbarin eine Infektion auf ihrer App gemeldet haben, wird nun Ihr Handy alarmiert.“ Aber die beiden Menschen sitzen mehr als 1,50 Meter auseinander und schauen in unterschiedliche Richtungen. Eine Infektion sei so sehr unwahrscheinlich. Das sei eine Kommunikation zwischen zwei Telefonen, aber kein Kontakt zwischen Menschen: „Die App kann nur einem Algorithmus folgen“, und er verlasse sich lieber auf die Aufklärungsarbeit von Menschen.

Die in den vergangenen Wochen aufgekommenen Vorwürfe, er habe sein Team nicht voll aufgebaut, bringt diesen freundlichen Mann in eine deutlich verärgerte Stimmung. Er habe alle ihm zur Verfügung stehenden Stellen besetzt und könne demnächst weitere fünf neue Mitarbeiter begrüßen. Überhaupt lässt er auf sein Team nichts kommen. „Das sind die besten Mitarbeiter der Welt, hochmotivierte und gleichzeitig gechillte Fachleute“, die gut mit der schwierigen und ungewohnten Corona-Situation zurechtgekommen seien. Sie hätten Wochenenden und Feiertage durchgearbeitet, um die Bevölkerung in Reinickendorf zu schützen.

Das sei auch gut gelungen. Jetzt habe man nur noch wenige Infektionsfälle pro Tag. Das jüngste Geschehen in Neukölln habe unmittelbare Verbindungen nach Reinickendorf, und man könne solche Fälle „nie zu 100 Prozent nachvollziehen“. Es ginge dabei im Wesentlichen um zwei Familien in Reinickendorf, die in persönlichen Beziehungen zu dem Infektionsherd in Neukölln stünden. Larscheid sieht es als Fehler an, das Infektionsgeschehen auf ethnische Herkunft oder religiöse Gemeinschaft zu reduzieren. Auch hier vertraut er auf das persönliche Gespräch und weiß, dass nicht alle „auskunftsbereit oder auskunftsfähig“ seien. Trotzdem sei das die beste Methode. Seine erfolgreiche Vorgehensweise ist vor kurzem sogar in der „Washington Post“ gelobt worden (die RAZ berichtete).

Ob er Angst vor einer zweiten Welle habe? „Ich habe nie Angst“, sagt Larscheid, „das gehört nicht zu meiner Persönlichkeit.“ Fachlich haben alle viel über diese neue Krankheit gelernt. Auch die Lernbereitschaft in der Bevölkerung beeindruckt ihn. Die Bezirksregierung lobt er ausdrücklich, dass sie den Bemühungen des Gesundheitsamtes immer zur Seite gestanden habe. Aber von der großen Politik auf Landes- und Bundesebene erwartet er jetzt mehr. Die Politiker hätten die Chance eine „große und auch schmerzhafte Debatte anzustoßen und zu führen“. Denn es gehe nach den Erfahrungen mit dieser Pandemie um keine geringere Frage als diese: „Wie wollen wir in Zukunft leben?“bs