Inseln, Forsten, Gutsbezirke und Schloss Tegel

Der Wittenauer Klaus Schlickeiser ist seit vielen Jahren Reinickendorfs gewissenhafter Chronist

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Klaus Schlickeiser hinter seinem Gartenzaun Foto: bs

Wittenau – Ein gepflegter älterer Herr tritt für das RAZ-Foto aus dem Haus an den Gartenzaun. In Zeiten des Coronavirus gilt es, Abstand zu halten. Der Junge von nebenan freut sich, den Nachbarn einmal wiederzusehen. „Guten Tag, Herr Schlickeiser“, grüßt er den Autor vieler Geschichtsbücher über Reinickendorf. Der grüßt zurück. Hier in der Reihenhaussiedlung hinter dem Reinickendorfer Rathaus geht es zu wie in der guten alten Zeit. Aber gab es die eigentlich? Die gute alte Zeit?

Klaus Schlickeiser wurde 1941 geboren und wuchs „hinter dem KaDeWe“ auf. Sein Vater war im Krieg. Mit seiner Mutter wurde er im November 1943 ausgebombt. Sie zogen gen Osten in die Nähe von Allenstein. Als die russische Armee 1944 heranrückte, floh die Mutter mit ihrem einzigen Kind ins nördliche Böhmen. Dort wurden sie nach dem Ende des Krieges von den Tschechen vertrieben. Im Kinderwagen und oft zu Fuß ging es nach Cottbus, wo sie einen „Kartoffelzug“ nach Berlin erwischten. Sie zogen zu einer Tante nach Reinickendorf.

Sein Vater kam 1948 aus russischer Gefangenschaft nach Hause. Schlickeiser erinnert sich: „Er war ein großer Schweiger und ist mir immer ein bisschen fremd geblieben.“ Aber er brachte ihm die Liebe zur Heimatkunde bei. Mit ihm schaute sich der kleine Klaus noch das Stadtschloss an, bevor es 1950 gesprengt wurde. Die 50er Jahre in Berlin seien ansonsten „dürftig gewesen“. Der Vater war viele Jahre lang arbeitslos. Es musste sehr auf das Geld geachtet werden. Schlickeiser erzählt lebendig von dieser Zeit. Kaum zu glauben, dass dieser Mann ein so nüchterner Chronist sein kann.

Er hat schon viele Bücher über die verschiedenen Ortsteile von Reinickendorf geschrieben. Etliche von ihnen sind als Spaziergänge angelegt. Anfang der 1980er Jahre fing er mit dem Schreiben an. Im Hauptberuf war er zu der Zeit Richter. Eine Familie hat er nie gegründet. Umso mehr Zeit blieb ihm für das Schreiben. Nachdem er über die Geschichte von Borsigwalde, Wittenau, Hermsdorf, Waidmannslust und immer wieder Tegel geschrieben hatte, konzentrierte er sich in seiner Anfang des Jahres erschienenen „Chronik des Bezirkes Berlin-Reinickendorf“ auf „Reinickendorf zwischen den Dörfern“. Er berichtet über die „Inseln, Forsten, Gutsbezirke und Schloss Tegel“.

Ein lesenswertes Nachschlagewerk

Das macht er mit großer Akribie und wissenschaftlichem Anspruch. Und dennoch ist ein höchst lesenswertes Nachschlagwerk entstanden, dass zum Einlesen für Sonntagsspaziergänge bestens geeignet ist. Um die Ruppiner Chaussee zu erklären, geht er bis in das 13. Jahrhundert zurück, als es bereits eine Handelsstraße zwischen Hamburg und den Dörfern in der Gegend von Berlin gab. Mit entschiedenen Schritten eilt er durch die Vorgeschichte vom Flughafen Tegel: Zunächst Schießplatz, dann Startplatz für Luftschiffe, bevor es mit Raketen weiterging. Nach dem 2. Weltkrieg bauten die Alliierten innerhalb von drei Monaten für die Luftbrücke den Flughafen Tegel. Am 5. November 1948 landete die erste „Douglas C 54 Skymaster“. Kann man sich vorstellen, dass dort bald gar nichts mehr fliegen soll?

Schlickeiser ist nicht per Mail zu erreichen, hat kein Smartphone und schreibt seine Manuskripte mit der Hand. Ob er seine eigene Geschichte mit den Erlebnissen aus der Nachkriegszeit auch noch aufschreibt, will er nicht klar beantworten. Er verweist auf die schwächer werdenden Augen und auf die bereits vorbereiteten Bücher über die Ortsteile „Reinickendorf“ und „Lübars“. Der Bezirk kann stolz sein, einen solch gewissenhaften Chronisten zu haben.bs