Offene Tür trotz Ängsten

Norbert Raeder hat für Obdachlose ein Zelt im Hof aufgestellt

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Mann gibt Essen aus
Norbert Raeder (r.) packt bei der Essensausgabe mit an. Foto: ks

Reinickendorf – Viele Berliner kennen das Kastanienwäldchen am Franz-Neumann-Platz als Ort der Unbeschwertheit. Gerade viele Reinickendorfer haben in der Event-Gaststätte oft Einkehr gehalten, gern ihre Freizeit bei Musik- und Tanzveranstaltungen verbracht.

Doch wie vielerorts hat die Corona-Krise auch im Kastanienwäldchen weit reichende Auswirkungen. Die unbeschwerten Zeiten gehören zunächst einmal der Vergangenheit an. Seit dem 13. März sind die Lautsprecher verstummt, die Türen bleiben für Besucher vorerst geschlossen. Keine einfache Situation für Inhaber Norbert Raeder. „Es plagen uns Existenzängste“, berichtet er.

Eine offene Tür bei Raeder, der übrigens auch als Kommunalpolitiker und Bezirksverordneter aktiv ist, finden allerdings immer Obdachlose. Bis zu 50 von ihnen soll es im Kiez rund um Schäfersee und Residenzstraße geben. Der Franz-Neumann-Platz ist beliebter Treffpunkt. So hat der engagierte Gastwirt im Hof ein Zelt als Anlaufstelle eingerichtet. Dort werden Kleidung und Schlafsäcke für Menschen ohne eigene vier Wände bevorratet, bei Bedarf ausgegeben.

„Mir ist es ein Bedürfnis, auf die Situation der Obdachlosen hinzuweisen“, erzählt Raeder im Rahmen einer Charity-Veranstaltung am 16. März auf dem Freigelände des Kastanienwäldchens. Menschen, die ganz unten in der Gesellschaft angekommen seien, solle man gerade in für alle schwierigen Zeiten nicht vergessen, lautet sein Appell.

Norbert Raeder appelliert nicht nur, er ist bereits selbst aktiv geworden. Zusammen mit Freunden, Geschäftspartnern und Mitarbeitern des im Viertel tätigen Sozialprojektes Teen Challenge e. V. hat er eine Spendenaktion ins Leben gerufen. Dabei werden vor allem Mineralwasser, Suppen, Fertiggerichte und Dosenprodukte gesammelt. Keine einfache Aufgabe in Anbetracht von Hamsterkäufen und von mitunter leeren Regalen in den Supermärkten. Umso mehr erfreut die Resonanz. „Wir haben bereits Spenden erhalten, die auf 50 Personen gerechnet für zehn bis elf Tage reichen“, kann der Initiator eine große Hilfsbereitschaft verkünden. Es darf aber gerne noch mehr werden. Gespendet haben zum Beispiel Getränke Hoffmann und der Herausgeber der Reinickendorfer Allgemeinen Zeitung, Tomislav Bucec. Die Easy-Apotheke in der Residenzstraße hilft mit Desinfektionsmittel und Hygieneartikeln.

Unterstützung erhält die Aktion zudem von Professor Andreas Umgelter. Der Chefarzt der Zentralen Notaufnahme und der Rettungsstelle im Vivantes Humboldt-Klinikum sieht eine besondere Problematik bei Obdachlosen: „Was sollen Menschen tun, die aufgefordert werden, zuhause zu bleiben, aber gar keines haben?“, fragt er. Allein schon das Händewaschen mit Seife sei für diesen Personenkreis keine Selbstverständlichkeit. Oftmals fehlende Krankenversicherung sowie der eher seltene Antrieb, sich in medizinische Behandlung zu begeben, seien der Situation gleichfalls nicht förderlich. Umgelter bietet nichtsesshaften Menschen ausdrücklich an, sich in seiner Rettungsstelle medizinisch aufnehmen und gegebenenfalls versorgen zu lassen.

„Wenn die Krise vorbei ist, feiern wir mit allen Menschen im Kiez eine riesengroße Party“, kündigt Norbert Raeder schon jetzt mit Blick auf bessere Zeiten an. ks

Bei der Veranstaltung wurde auch für Abstand gesorgt. Foto: ks