Stillstand der Stadt und der Republik

Im März 1920 setzte sich das Volk gegen den Kapp-Putsch zur Wehr

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Grabstein
Der Grabstein auf dem Friedhof Tegel in der Wilhelm-Blume-Allee 3. Foto: Boris Dammer

Berlin/Bezirk – Vor 100 Jahren stand das ganze Land schon einmal still. Selbst die Strom-, Gas und Wasserzufuhr wurde damals gestoppt. Die Post wurde nicht ausgetragen, keine Zeitungen mehr gedruckt, und der Verkehr war lahmgelegt. Die vor rechten Putschisten aus Berlin geflüchtete Regierung hatte zum Generalstreik aufgerufen.

Nach dem Ersten Weltkrieg verlangte der Versailler Vertrag, das deutsche Heer auf 100.000 und die Marine auf 15.000 Mann zu reduzieren. Das bedeutete auch die Entlassung von zwei Dritteln aller Soldaten. Oberbefehlshaber der Reichswehr war Walther Freiherr von Lüttwitz, der 1919 für die Niederschlagung des Spartakusaufstandes sorgte. Er gehörte zu den Militärs, die die Verkleinerung der Truppe um keinen Preis hinnehmen wollten und an Putsch dachten. Als seine Marineeinheit aufgelöst werden sollte und er selbst entlassen wurde, marschierte er kurzentschlossen mit der Einheit nach Berlin, um die Regierungsmitglieder gefangen zu nehmen.

Sohn deutscher Auswanderer

Bei diesem Staatsstreich sollte Wolfgang Kapp die politische Führung übernehmen, der 1858 in New York als Sohn deutscher Auswanderer zur Welt kam und mit zwölf Jahren nach Deutschland zurückkehrte. Da er sich während des Kriegs mit besonders scharfer Rhetorik hervortat, fand seine Selbsternennung zum Reichskanzler durchaus Zustimmung in rechten Kreisen.

Die gewählte Regierung agierte nun von Stuttgart aus und forderte die Menschen auf, nicht mit den Putschisten zu kooperieren und die Arbeit niederzulegen: „Deutsches Volk, schare dich um deine verfassungsmäßige Regierung!“

Nach dem Einmarsch der Umstürzler, von denen einige Helme mit Hakenkreuz trugen, blieb es auf den Straßen in den ersten beiden Tagen relativ ruhig. Durch rasche Befolgung des Streikaufrufs leistete die Bevölkerung passiven Widerstand. Von Berlin breitete sich die Arbeitsniederlegung auf das ganze Land aus.

Es war der größte Generalstreik, den es in Deutschland je gegeben hat. In den folgenden Tagen kam es vermehrt zu Auseinandersetzungen mit den Putschisten, bei denen auch die ersten Toten zu beklagen waren, etwa in der Schloßstraße in Steglitz und am Halleschen Tor.

Die effektivste Waffe gegen den Staatsstreich war jedoch die Arbeitsverweigerung, der sich am dritten Tag auch der Beamtenbund anschloss. So wurden zum Beispiel Zahlungsanweisungen der Militärregierung einfach nicht ausgeführt. Kapp musste nach vier Tagen einsehen, dass er dem lahm gelegten Staat machtlos gegenüberstand und gab auf. Er entkam nach Schweden, wo er verhaftet und nach Deutschland ausgeliefert wurde. Lüttwitz setzte sich nach Ungarn ab.

Nach der Kapitulation der Putschisten stellten die Gewerkschaften für die Beendigung des Streiks eigene Bedingungen. Die Arbeit wurde bald wieder aufgegriffen, dennoch dauerte es einige Tage, bis alles wie gewohnt lief und die Wasser-, Strom- und Gasversorgung reibungslos funktionierte.

An einigen Orten gab es noch Unruhen von Seiten der radikalen Linken. So versuchten beispielsweise Kommunisten, das Gefängnis Tegel zu stürmen. Zu einer besonders heftigen Konfrontation zwischen einer Abteilung von Rotgardisten und der Reichswehr kam es in Hennigsdorf mit dem Einsatz von Panzerfahrzeugen. Bei dem mehrstündigen Gefecht gab es über 30 Tote.

In Berlin gibt es mehrere Denkmale für die vielen Opfer des Putsches. Auf dem Friedhof Tegel in der Wilhelm-Blume-Allee steht ein Grabstein für vier Männer, die in diesen dramatischen Tagen ihr Leben verloren. Boris Dammer