Einmal auf der großen Bühne stehen …

Die „Musischen Tage“ – ein Reinickendorfer Großereignis mit langer Tradition

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Gitarre und Hände
Kind lernt Gitarre spielen

+++ Anm. d. Red.: Wie sich nach Drucklegung der RAZ Ausgabe mit diesem Titelthema herausstellte, wurden die Musischen Tage 2020 aus Infektionsschutzgründen im Hinblick auf das Coronavirus am Abend des 10. März abgesagt +++ Stand: Mittwoch, 11. März 2020 +++



Andere Bezirke können neidisch sein: Reinickendorf bietet mit seinen „Musischen Tagen“ den Schülern des Bezirks die in Berlin einzigartige Möglichkeit, für ein paar Tage im Jahr den Schulalltag hinter sich zu lassen und in musischen und künstlerischen Werkstätten ihr kreatives Potenzial zu erkunden und auszuleben.

In den Werkstätten proben Schüler aus Reinickendorfer Schulen gemeinsam den für viele der Schüler ersten Auftritt auf großer Bühne bei den Bezirkskonzerten im Fontane-Haus. Oder sie malen, zeichnen und collagieren in den Werkstätten im Atrium oder der Jugendkunstschule und präsentieren ihre Werke in einer Ausstellung im Galeriegang der Kunstschule der Öffentlichkeit.

Die Musischen Tage haben eine lange Tradition: Die Keimzelle lag im Georg-Herwegh-Gymnasium in Hermsdorf. 1972 hatte dort die Musik-Fachleiterin Almut Zirr die Idee gehabt, musisch und künstlerisch interessierte Schüler aus allen Schulen des Bezirks in Workshops zusammenzubringen. Der damalige Schulrat Helmut Jenden und Stadtrat Detlef Dzembritzki unterstützten das ambitionierte Projekt – und die „Musischen Tage der Schulen in Reinickendorf“ waren geboren.

Heute, fast 50 Jahre später, sind die Musischen Tage ein anerkannter Höhepunkt in der kulturellen Arbeit der Schulen des Bezirks, „Aushängeschild“ des kulturellen Engagements der Reinickendorfer über die Bezirksgrenzen hinaus und, nicht zuletzt, ein Großereignis mit Abschlusskonzerten. Jährlich nehmen fast 600 Schüler vor stets gefüllten Rängen im Konzertsaal des Fontane-Hauses teil.

„Ich habe die ersten Musischen Tage 1972 aus Schülersicht erlebt. Ich spielte im Orchester des Humboldt-Gymnasiums und fand es wunderbar, außerhalb unserer Schulaula aufzutreten und die Beiträge der anderen Schulen zu hören“, erinnert sich Marina Kranz. Die musikbegeisterte Schülerin von damals ist heute selbst Lehrerin am Herwegh-Gymnasium, Schulberaterin für die Oberschulen im Fach Musik für Reinickendorf, Pankow und Mitte.

Und seit 2017 ist sie mit der gesamten Planung und Organisation der Musischen Tage im Bereich der Musik betraut.

Marina Kranz, als junge Lehrerin am Herwegh-Gymnasium von Almut Zirrs Engagement inspiriert, ist selbst zur leidenschaftlichen Mitstreiterin für das Projekt geworden. Sie kennt die lange und auch wechselhafte Geschichte der heute renommierten Veranstaltung. „Ab 2000 führten die beiden Fachberater Helmut Lent und Christine Paetzel die Musischen Tage nahezu ohne Unterstützung durch. Es fanden nur noch Musik-Workshops an Grundschulen statt, ergänzt durch ein paar Einzelbeiträge von Schulen“, erklärt Marina Kranz.

Zu einem „Neustart“ kam es, als Christine Paetzel die damals neue Stadträtin Katrin Schultze-Berndt dafür gewinnen konnte, ein Aufleben der langjährigen Tradition zu unterstützen. Kranz kümmerte sich von da an um die Technik im Fontane-Haus und versuchte, wieder Oberschulen-Workshops durchzuführen.

Eltern müssen überzeugt werden

„Bis 2010 habe ich versucht, auch wieder Werkstätten für die Oberschulen anzubieten. Das ursprüngliche Werkstätten-Konzept war ja der Zusammenschluss einer möglichst großen Vielfalt musischer und künstlerischer Sparten unter dem Dach der Musischen Tage – offen für alle Reinickendorfer Schüler aus allen Klassenstufen.“ Das Projekt scheiterte, diesmal jedoch nicht wegen mangelnder Unterstützung von Amtsseite. „Es kamen einfach nicht genügend Anmeldungen zustande. Die Schüler in der Oberstufe sind heute mit Klausuren und mündlichen Prüfungen derart ausgelastet, dass schlicht keine Zeit für zwei Wochen Auszeit in den Werkstätten bleibt.“ Deshalb gibt es die Oberstufen-Werkstätten nicht mehr, die Werkstätten werden nur noch für Grundschulen angeboten.

Es sei schwierig gewesen, Eltern und Lehrer davon zu überzeugen, dass die Erfahrung in den Workshops und die Darbietungen der Schüler deren schulische Fehlzeiten bei weitem ausgleichen könne. Im Curriculum sind Deutsch, Mathematik und Naturwissenschaften die angesagten Fächer und viele Eltern fragen sich, ob Musik- und Kunstunterricht nicht eher karriereschädigende Zeitvergeudung ist – ganz zu schweigen von zwei Wochen unterrichtsfreier Zeit für musische Workshops.

Wert der musischen Fächer

Die Violinistin und Musiklehrerin Agnes Stein von Kamienski leitet mit Kollegen „schon ziemlich lange, vielleicht 20 Jahre“ die Streicherwerkstätten. Für sie stehen der Sinn und die Bedeutsamkeit der Werkstätten als tiefgreifendes Erlebnis vor allem für die Kinder außer Frage. „Für die Streicherwerkstätten melden sich in jedem Jahr etwa 100 Schüler aus verschiedenen Schulen des Bezirks an. Da treffen Jüngere auf Ältere. Manche Schüler, die bisher nur alleine gespielt haben, weil es beispielsweise an ihrer Schule keine Streicher-AG gibt, können zum ersten Mal in einem größeren Ensemble gemeinsam musizieren. Drei Tage proben alle gemeinsam intensiv für den großen Auftritt vor großem Publikum.“

Das ist, gerade für die Jüngeren, sehr intensiv, aber das Gesamtergebnis kann sich sehen lassen. „Das Erstaunliche ist, dass es für die Kinder eigentlich keine Strapaze ist: Sie sehen danach glücklich aus und fahren entspannt nach Hause. Und vor allem die Eltern haben danach oft eine völlig geänderte Motivation, wenn sie erleben konnten, welche unglaubliche Fähigkeiten in ihren Kindern stecken“, erklärt Agnes Stein von Kamienski.

„Es ist kurzsichtig, den Wert der musischen Fächer zu unterschätzen. Das Erlernen eines Instrumentes hat so viele positive Effekte: Feinmotorik und Konzentration werden geschult, aber auch Belastungsfähigkeit und Durchhaltevermögen werden gestärkt. Nicht umsonst wird heute bei Bewerbungen gefragt, ob in der Jugend ein Instrument gespielt wurde. Die Personaler wissen, wenn man ein anspruchsvolles Stück meistern will, muss man lernen, sich durchzubeißen.“

Musik verbindet über Sprachen hinweg

Aber Musik, Kunst und musische Bildung sind nicht nur für die persönliche Entwicklung des einzelnen Kindes wichtig. Musik wirkt auch immer als sozial stark integrative Kraft, betont Heike Polley. Die Lehrerin, die seit 25 Jahren an der Hausotter-Grundschule Musik und Deutsch unterrichtet und Fachbereichsleiterin Musik an ihrer Schule ist, hatte vor 15 Jahren die Idee, für den Darstellenden Bereich Tanzwerkstätten anzubieten – bis heute ein voller Erfolg.

„Wir haben in jedem Jahr im Schnitt etwa 100 Anmeldungen für die Tanzwerkstatt. Das ist allein logistisch das Limit, sowohl bei der Aufführung auf der Bühne im Fontane-Haus als auch hier an der Hausotter-Schule, wo wir aus Platzgründen in den Turnhallen mit zwei Gruppen trainieren. Die Choreographie wird dann auf der großen Bühne zusammengesetzt. Die ganzen Auf- und Abtritte, das ist immer ein riesiges Durcheinander, aber auch ein Heidenspaß! Die Kinder sind danach platt, aber glücklich, bei einer so großen und rasanten Sache dabei gewesen zu sein. Die Kinder haben jede Menge Spaß an der Bewegung. Sie stellen sich gemeinsam der Herausforderung, eine ganze Choreographie einzustudieren und zu präsentieren. Sie lernen dabei, koordiniert und verantwortungsvoll in einer Gruppe, die ein gemeinsames Ziel verfolgt, zu agieren. „Das ist ein enorm wichtiger Baustein für die Sozialkompetenz der Kinder. Und das Fantastische dabei ist, dass Sprachbarrieren überhaupt keine Rolle spielen. Das wissen wir hier an der Hausotter-Schule, im so genannten sozialen Brennpunktgebiet, zu schätzen. Musik versteht wirklich jeder – oder anders gesagt: Musik verbindet über Sprachen hinweg.“

Die Werkstätten im Atrium

Neben den musischen Werkstätten sind die künstlerischen Werkstätten essentieller Bestandteil im Gesamtkonzept. Seit über 30 Jahren finden sie im Atrium der Jugendkunstschule statt „Viele Reinickendorfer wissen gar nicht, dass das Atrium die größte unter den etwa 400 Jugendkunstschulen in Deutschland ist“, erklärt Claudia Güttner, Lehrerin und Leiterin der Einrichtung. „Wir haben hier die idealen räumlichen Voraussetzungen und Einrichtungen für die Ausrichtung der Workshops und die anschließende Präsentation und Ausstellung im Galerierundgang des Atrium.“

Die Kinder sind immer mit Begeisterung dabei, und die Nachfrage übersteigt die Anzahl der freien Plätze. „Wir haben dieses Jahr Plätze für etwa 160 Kinder in 15 Workshops bei über 300 Anfragen. Da ist es schon immer etwas bitter, an die Hälfte der anfragenden Kinder – und Eltern – Absagebriefe schreiben zu müssen.“ Zum Schuljahr 2016/17 hatte das Schulamt Prioritäten verschoben und Güttners Abordnungsstunden für die künstlerischen Werkstätten halbiert. Der Fortbestand der Kunstwerkstätten im Atrium war damit gefährdet (die RAZ berichtete). „Meine Stunden wurden seitdem zwar nicht mehr erhöht. Aber diese einzigartige Möglichkeit, die Reinickendorf seinen jungen, kreativ neugierigen Schülern bietet, aufzugeben, war auch keine Option. Also basiert heute ein Drittel der angebotenen Workshops auf meiner freiwilligen Arbeit“, sagt Güttner.

Dabei reicht die Bedeutung der Kunstwerkstätten weit über die Arbeit in den Workshops hinaus. Schulklassen besuchen die Ausstellung auf der Suche nach Themen für den Unterricht, Quereinsteiger-Kunstlehrer suchen nach Inspiration und Projektideen. Und hin und wieder trifft Claudia Güttner in den Galeriegängen einen angehenden Lehrer, der als Kind den entscheidenden Workshop seines Lebens im Atrium besucht hat: „Ohne die kreativen Impulse und das fantastische Erlebnis der Kunstwerkstätten wäre ich nie Kunstlehrer geworden. Ich wusste davor noch nicht einmal, wie gut ich zeichnen kann.“ Christian Horn