Obdachlose wurden gezählt

„Kastanienwäldchen“ unterstützte die Aktion auf ganz eigene Art

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Das Team vom THW mit Leiter Sascha Braun (2.v.r.) Foto: bs
Das Team vom THW mit Leiter Sascha Braun (2.v.r.) Foto: bs

Berlin/Bezirk – Wie viele Obdachlose leben auf den Straßen von Berlin, wie viele davon in Reinickendorf? Bisher gab es nur Schätzungen, die für die ganze Stadt von 6.000 bis 10.000 Menschen ohne feste Bleibe ausgingen. Das wollte der Senat genauer wissen und lud Freiwillige ein, in der Nacht vom 29. auf den 30. Januar nach einem vorher genau ausgearbeiteten Plan alle Bezirke in Berlin abzugehen und nach Wohnungslosen Ausschau zu halten. Eines der Gebiete im Bezirk Reinickendorf, wo viele Obdachlose tagsüber zu sehen sind, ist der Franz-Neumann-Platz mit den angrenzenden Straßen.

Die „Nacht der Solidarität“ beginnt für die freiwilligen Zähler mit einer Einweisung in die Straßenzüge, wo sie in dieser relativ milden Januarnacht die Obdachlosen in Berlin aufsuchen, zählen und befragen sollen. Für das Gebiet Residenzstraße und rund um den Schäfersee wurde für 19 Uhr in das Gemeindezentrum „Haus am See“ eingeladen. 29 Zähler kommen und bilden für diesen Bereich acht Teams. In ganz Berlin sind es 2.600 Freiwillige und mehr als 600 Teams. Um kurz vor 22 Uhr werden die Zähler mit Fragebögen, Stiften und Verpflegungstaschen in die Nacht entlassen.

Einer von ihnen ist Student Julian Radecker, der sich auf die Zählung freut, damit mit den gewonnenen Erkenntnissen „adäquat geholfen“ werden könne. Er hat mit der Wegzehrung einen Kaffee-Becher im blau-grünen Design der „Nacht der Solidarität“ bekommen. Damit er und seine weiteren vier Teamkollegen klar zu erkennen sind, haben alle eine blaue Weste übergezogen. Zunächst gehen sie über den Franz-Neumann-Platz, wo jedoch keine Obdachlosen zu finden waren. Oder liegt es daran, dass Norbert Raeder an diesem Abend seine Schützlinge einmal wieder ins „Kastanienwäldchen“ eingeladen hat?

Dort herrscht seit den späten Nachmittagsstunden Partystimmung. Ein Disc Jockey legt Musik auf. Norbert Raeder ist stolz darauf, dass in den vergangenen Wochen 15.000 Kleidungsstücke gespendet wurden, die heute an Wohnungslose und andere Bedürftige verteilt werden. Dazu werden umsonst Haare geschnitten und im Hinterhof Würstchen gegrillt. Der Plan von Raeder ist einfach: „Um 22 Uhr bitte ich meine Gäste auf die Straße, damit sie gezählt werden können, sonst finden die Zählteams doch keinen“.

„Grundsätzlich“ findet er die Zählung gut, aber er bezweifelt, dass in einer Nacht die meisten Obdachlosen aufgefunden werden können. Deswegen hat er die ihm bekannten „sozial Schwächeren“ eingeladen und schätzt, dass er damit „etwa 80 Prozent“ der Gesuchten erreicht.

Einer davon ist Stefan, der seine Geschichte so zusammenfasst: Erst ist ihm die Frau weggelaufen, dann hat er seine Arbeit verloren und konnte die Miete nicht zahlen. Schon saß er auf der Straße. Dort war er acht Jahre bis er von kurzem in ein „Little Home“ einziehen konnte. Inzwischen ist das Zählteam mit Julian Radecker vor dem Kastanienwäldchen angekommen. Sie nehmen die Daten von einer Gruppe von sechs Wohnungslosen auf. Fünf davon kommen aus Osteuropa, einer aus Süddeutschland. Nur einer verwehrt sich der Fragen und wird auch sofort in Ruhe gelassen. Das Ergebnis der ersten offiziellen Zählung wurde am 7. Februar bekannt gegeben. Die Zahl überraschte: 1.976 Menschen wurden gezählt – deutlich weniger als bisher angenommen. Die tatsächliche Zahl der Obdachlosen dürfte höher sein.

bs