Wie bedroht sind unsere Kinder?

Die digitale Welt konfrontiert Eltern mit völlig neuen erzieherischen Aufgaben

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Zwei Mädchen vor einem Laptop
Foto: meredo

Kinder und Jugendliche in Deutschland verbringen sehr viel Zeit mit Computerspielen, geben dabei immer mehr Geld aus, und ein nicht unerheblicher Anteil der jungen Spieler entwickelt ein pathologisches Spielverhalten. Zu diesem Ergebnis kam eine im vergangenen Jahr vorgestellte Studie der Krankenkasse DAK und des Deutschen Zentrums für Suchtfragen. Der Studie zufolge spielen 72,5 Prozent der Jugendlichen – 90 Prozent der Jungen und 50 Prozent der Mädchen – regelmäßig Computerspiele wie Fortnite, FIFA oder Minecraft. 15,4 Prozent zeigen riskantes oder pathologisches Spielverhalten und gelten damit als „Risiko-Gamer“, die verstärkt Schulprobleme entwickeln und emotionale und Verhaltensprobleme haben. 3,3 Prozent der Betroffenen erfüllen die Kriterien einer Computerspielabhängigkeit mit Entzugserscheinungen und Kontrollverlusten.

Bei einer ebenfalls im vergangenen Jahr veröffentlichten Studie der Stiftung Warentest wurden 14 beliebte Spiele-Apps, darunter auch Fortnite und Minecraft, auf ihre Tauglichkeit für Kinder getestet. Das Ergebnis der Studie war vernichtend: 13 der geprüften Spiele wurden als „inakzeptabel“ eingestuft. Nur ein Spiel, Pokémon Go, wurde lediglich als „bedenklich“ beurteilt.

Das Computerspiel ist nie allein Schuld

Jeder kennt die Berichte von verzweifelten Eltern, die entnervt vom exzessiven Computerspiel- und Surfverhalten ihrer Kinder den Stecker ziehen oder gleich den ganzen Computer konfiszieren. Mit der Ankunft der schönen bunten, neuen digitalen Welt werden die Eltern mit völlig neuen erzieherischen Aufgaben konfrontiert – und sind damit oft überfordert. Anlässlich des „Safer Internet Day“, der seit 2008 jährlich in der zweiten Februarwoche stattfindet und deutschlandweit mit Aktionen und Veranstaltungen Kinder, Eltern und Lehrer für die Gefahren des Internet sensibilisieren soll, hat die RAZ Experten zum Thema befragt. In der Beratungsstelle „Lost in Space“ in Kreuzberg treffen wir Gordon Emons (siehe Interview auf Seite 2).

Die vom Caritasverband Berlin getragene Einrichtung ist Berlins einzige auf Gaming- und Internetsucht spezialisierte Beratungsstelle. Eltern von Kindern, die einen problematischen Umgang mit Computer, Smartphone und Internet entwickeln, kommen aus dem gesamten Stadtgebiet hierher, um sich Hilfe zu holen. „Unser Ziel ist es, die Eltern fit zu machen, wenn die Kinder keine Bereitschaft zeigen, ihr exzessives Konsumverhalten zu ändern“, erklärt Gordon Emons.

„Die meisten Eltern wollen eine genaue Zeitangabe, wie viele Stunden Computernutzung okay sind. Aber das ist nicht so einfach. Die Zeit allein, wie lange ein Kind vor dem Computer sitzt, ist kein Kriterium dafür, ob das Verhalten schon als kritisch einzuschätzen ist. Es gibt viele Jugendliche, die exzessiv und leidenschaftlich Fortnite spielen, aber deshalb nicht automatisch süchtig werden. Entscheidend sind verschiedenste Faktoren, beispielsweise, ob die Kinder noch ein intaktes Sozialleben außerhalb der Computerwelt haben. Wenn es nur noch virtuelle Kontakte gibt, wird es kritisch“, sagt Gordon Emons.Vor allem Kinder, die ohnehin eher zurückgezogen und unsicher sind, seien anfällig dafür, eine Computersucht zu entwickeln, und oft steckten hinter dem problematischen Verhalten nicht erkannte seelische Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen. Ebenfalls wichtig sei das soziale Umfeld, beispielsweise, wenn die Eltern getrennt leben oder oft streiten. „Das Computerspiel ist nie alleine schuld.“

„Bei den meisten Fällen, die zu uns in die Beratung kommen, ist keine psychologische Behandlung nötig, es reichen einfache erzieherische Maßnahmen“, erläutert Emons. Die Eltern müssen klare Regeln aufstellen, Alternativen anbieten und selbst bei der Computernutzung eine Vorbildfunktion einnehmen. „Die eigentliche Herausforderung ist aber, dies auch zu leben. Das ist oft ein langwieriger Prozess, der nicht immer einfach ist und den wir beratend begleiten.“

Doch auch wenn das „Kind in den Brunnen gefallen ist“ – ein Ausdruck, den wir bei unserer Recherche immer wieder hören – und das Kind eine Computer- oder Gamingsucht entwickelt hat, sei dies noch kein Grund zu verzagen. Die Beratungsstelle hilft hier, in Sachen Computersucht kompetente Psychologen zu finden. Für akute Fälle gibt es in Berlin zwei psychologisch-psychatrische Klinik-Ambulanzen für Kinder und Jugendliche, im St. Josef Krankenhaus in Tempelhof und im Vivantes Klinikum im Friedrichshain.

Kontaktlehrer als erste Anlaufstelle

Reimer Siemensen, Leiter der Fachstelle für Suchtprävention beim SIBUZ in der Nimrodstraße in Waidmannslust, rät besorgten Eltern, den „kurzen Weg“ vorzuziehen und sich zuerst an die Kontaktlehrer der jeweiligen Schule zu wenden. „Beratungsstellen wie die Suchtberatung Nord oder ‚Lost in Space‘ sind absolut empfehlenswert. Wir raten Eltern aber, sich zuerst an die Kontaktlehrer für die schulische Suchtprävention zu wenden. Die Kontaktlehrer, die von mir betreut werden, nehmen regelmäßig an Fortbildungen teil und verfügen über aktuelle Kontaktlisten. Die Lehrer sind zwar keine Therapeuten, aber sie wissen, wohin die Eltern sich wenden können. Wir haben hier in Berlin ein großes Netzwerk für die schulische Suchtprävention.“

Das perfide Machtspiel Cybermobbing

Neben der Gaming- und Internetsucht ist vor allem das Cybermobbing ein ernst zu nehmendes Problem, das mit dem Auftauchen der neuen Medien seinen zerstörerischen Weg in den Schulalltag gefunden hat. Anders als beim Mobbing im realen Leben finden die Diffamierungen, Beleidigungen und Bedrohungen im virtuellen Raum, in Chats oder in den sozialen Medien statt. „Die Struktur ist immer gleich: Die Mobber testen zuerst immer aus, ob ihre Beleidigungen das Opfer verletzen. Kommt keine Reaktion, hört das Mobbing meist von selbst wieder auf. Reagiert das Opfer jedoch verletzt, besteht die Gefahr, dass sich die Situation verfestigt“, weiß Oliver Gende vom Cybermobbing Prävention e.V. in Berlin-Schöneberg.

Im perfiden Machtspiel um Dominanz und Erniedrigung nehmen die „Bystander“, die scheinbar unbeteiligten Zuschauer, eine entscheidende Rolle ein, denn ohne sie funktioniert das Spiel nicht. „Grundprinzip ist, die Opfer zu isolieren und auszugrenzen. Wenn die By­stander jedoch zur gemobbten Person hingehen und mit ihr reden oder zum Mobber gehen und sagen: ‚Lass den mal in Ruhe‘, kann verhindert werden, dass sich die Situation eskaliert.“

Betroffene sollten sich unbedingt jemanden suchen, der ihnen Mut zuspricht, rät Gende. „Es gibt aber auch gute Hilfestellungen im Netz. Beispielsweise können sich die Kinder die App ‚Cyber-Mobbing – Erste Hilfe‘ von klicksafe herunterladen. Darin gibt es einfache Tutorials, die erklären, wie man reagieren soll, wenn man im Internet gemobbt wird – beispielsweise, wie man Beweise sichert. Oder die Betroffenen besuchen Juuuport.de. Das ist eine gute Online-Beratung von Jugendlichen für Jugendliche. Was beim Cybermobbing emotional passiert, ist oft so heftig, dass die Betroffenen kaum darüber reden können. Da tut es gut, mit Gleichaltrigen sprechen zu können.“

Gut gewappnet in die digitale Welt

Im meredo in der Namslau­straße in Tegel sorgen Benjamin Kubel und sein Team dafür, dass die Kinder eben nicht „in den Brunnen fallen“, sondern den Herausforderungen der neuen digitalen Welten gut gewappnet begegnen. Das Medienkompetenzzentrum des Jugendamtes Reinickendorf unterstützt die Schulen des Bezirks mit Workshops, Projekttagen und Ferienveranstaltungen bei der digitalen Medienbildung.

Im vergangenen Jahr hat das meredo 150 Workshop-Tage an 36 Reinickendorfer Schulen veranstaltet. „An einem Workshop-Tag wird immer ein bestimmtes Thema behandelt, zum Beispiel ‚Fake News‘. Wir zeigen den Kindern da, wie einfach es ist, mit den modernen Medien ein Bild zu fälschen – und sie können es selbst ausprobieren. Die Kindern finden kreative Sachen cool. Das Feedback, das wir von den Schülern bekommen, ist absolut positiv“, erklärt Kubel.

„Wir haben zwei Schwerpunktbereiche: Prävention und Kreativität. Bei der Prävention geht es um Themen wie Hate Speech und Fake News, aber auch um Sicherheit in den sozialen Netzwerken und der Umgang mit Cybermobbing. Der kreative Part macht den Kindern besonders Spaß, wenn sie lernen, einen Film zu drehen oder einen 3D-Drucker zu bedienen. Wir versuchen hier im meredo, den Kindern Möglichkeiten aufzuzeigen, wie sie die neuen Medien sicher und kreativ nutzen können.“ crn