Wo Mensch auf Affe trifft

Ein Lübarser arbeitet im Menschenaffenhaus des Zoos

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Berlin/Lübars – Zwischen Erdmännchen-Hügel und Pavian-Felsen führen die kurvigen Pfade des Zoologischen Gartens zum Menschenaffenhaus. Das Gebäude ist selbst im grauen Herbstwetter gut besucht. Denn hier erwartet die Gäste Wärme – und rund zwanzig gut sichtbare Primaten. Bonobos, Gorillas, Schimpansen und Orang-Utans führen hier ihr Leben. Doch das Sagen im Menschenaffenhaus hat der Revierleiter: Christian Aust.

Seit 39 Jahren arbeitet der Lübarser mittlerweile schon im ältesten Zoologischen Garten Deutschlands, seit etwa 20 Jahren im Menschenaffenrevier. Auch für die kleineren Affen, tropischen Schweine und Greifvögel ist er verantwortlich.

Sein Arbeitstag beginnt um sieben Uhr morgens mit einem Rundgang durch die Gruppe. Christian Aust unterhält sich mit den Mitarbeitern. Danach kehrt er zurück in sein eigenes Revier. Dort warten viele Aufgaben auf ihn: er erstellt Dienstpläne, spricht sich mit Handwerkern ab, nimmt tagesabhängige Termine wahr. In enger Zusammenarbeit mit den anderen Tierpflegern und dem Kurator erstellt er abwechslungsreiche Futterpläne und lässt sich Lösungen für die Inneneinrichtungen der Gehege einfallen. So hat das Team unter anderem den Kunststoffboden im Orang-Utan-Käfig durch natürlicheres Piniendekor ersetzt.

„Die Arbeit ist sehr abwechslungsreich und vielfältig“, meint der Reinickendorfer. „Es macht Spaß, Verantwortung für den Bereich zu haben, für die Mitarbeiter da zu sein und mitzugestalten, seine eigenen Ideen einbringen zu können.“

Besonders aber gefällt dem Lübarser die Arbeit am Tier. Heutzutage betreten die Betreuer die Gehege der Primaten nicht mehr – früher war das Gang und Gäbe. Trotzdem spielt das Vertrauen zwischen Tier und Mensch im direkten Umgang eine wichtige Rolle. Die Affen kommen an die Tür, um dort Nahrung oder Medikamente zu empfangen. Dabei hören Orang-Utan, Bonobo und Co. sogar auf ihre Namen.

Generell seien Menschenaffen Menschen sehr ähnlich, so Christian Aust. „Ein Gorilla fühlt sich provoziert, wenn man ihm mit starrem Blick in die Augen schaut. Für uns ist das ebenso unangenehm. Auch das Imponiergehabe von einem Schimpansen-Mann kennen wir von einigen Menschen“, erklärt der Revierleiter. Außerdem zeigen sich Parallelen in der Mimik: Trauer, Wut, Freude, Aggression … die Emotionen der Primaten spiegeln sich in ihren Gesichtern wider.

Aber wo hören die Gemeinsamkeiten auf? Auch darauf hat der Reinickendorfer Antworten. „Ich werde oft gefragt: vermissen die Affen Sie nicht, wenn Sie im Urlaub sind? Oder: Weinen Gorillas, wenn sie ein Baby verloren haben? Leute versuchen, ihre eigenen Gefühle und Verhaltensweisen auf die Tiere zu übertragen. Vieles ist in der Tierwelt aber doch anders. Es geht sehr viel robuster zu und die Tiere sind schmerzunempfindlicher. Sicherlich gibt es eine gewisse Empathie – aber sie drücken sie nicht so aus wie Menschen.“

Eine weitere Besonderheit: Jede Affenart verhalte sich anders. Den Schimpansen sage man nach, sie seien Choleriker. Die Orang-Utans zeigen sich als introvertierte Denker und Bonobos gelten als sozial. Entgegen verbreiteter Klischees ernähren sich Affen nicht vorwiegend von Bananen. Stattdessen stehen Baumrinde, Blätter, Kräuter und Wurzeln auf dem Speiseplan. In der zooeigenen Futterküche häufen sich Gemüsesorten; Obst bekommen die Primaten eher selten. „Der hohe Fruchtzuckergehalt macht die Tiere sehr schnell dick“, erklärt der Revierleiter.

Das Menschenaffenhaus beherbergt imposante Bewohner, allerdings geht es verhältnismäßig ruhig zu. Nicht einmal die Feierlichkeiten rund um den diesjährigen 175. Geburtstag des Zoologischen Gartens haben die Routine hier erschüttert. Noch während der Besucherstrom zum Abend hin langsam versiegt, sammeln die Affen Holzwolle, um ihre Schlafnester zu bauen. Denn sobald die Sonne untergeht ist auch der Tag im Revier beendet. Celine Fink

Christian Aust