Sonntag, 14. August 2022
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„Fließend Wasser im Keller“ in der Cité Guynemer

„Fließend Wasser im Keller“ in der Cité Guynemer

Tegel – 1994, zogen die französischen Truppen aus Nord-Berlin ab. Seitdem gibt es Ärger in der Cité Guynemer, ein paar Straßenzüge am nördlichen Rand des Flughafens Tegel. Die Franzosen hatten dort in den 1950er Jahren begonnen, Wohnraum für ihre Soldaten zu bauen. Auch Straßen wurden angelegt und Rohre für die Wasserver- und entsorgung. Dazu gehört ein Pumpwerk, um das Abwasser loszuwerden. Das gelingt zum Verdruss der heute knapp 1.000 Bewohner nicht immer einwandfrei. Rückgestautes Wasser in Kellerräumen ist keine Seltenheit.

Neben den Gebäuden und den Straßen mit den französischen Namen ist der Club Bouliste geblieben. Ein idyllischer Ort? An dem Abend, zu dem Jörg Stroedter, stellvertretender Vorsitzender der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus, die Bewohner einlädt, nicht wirklich. Stroedter schimpft: „Es kann nicht sein, dass das hier ein rechtsfreier Raum ist.“ Nach dem Abzug der Franzosen übernahm der deutsche Staat die Liegenschaften und bot sie zum Verkauf an, ohne die Infrastruktur eindeutig zu klären. Wer kümmert sich um die Straßen, wer um die Wasserversorgung?

Einzelne Bürger erwarben Häuser, aber vor allen Dingen die Immobilienfirma City West kaufte groß ein. Sie baute Mehrfamilienhäuser, verkaufte Grundstücke und wollte die Last mit den Straßen und den Versorgungseinrichtungen schnell loswerden. Dafür gründete sie eine Extra-Gesellschaft, deren Liquidator Roland Türk lieber heute als morgen den Laden schließen will. Aber es wollte ihm keiner die Straßen abnehmen, die heute noch offiziell als Privatstraßen ausgezeichnet sind. Im vergangenen Jahr schrieb er in einem Brief an die Bewohner, dass er beabsichtige, die Straßen für „herrenlos“ zu erklären.

An diesem Abend sitzt er leicht verkniffen in der Runde um Stroedter und verspricht, „solche Briefe“ nicht wieder zu schreiben. Er werde sich weiter um Straßen und Wasserleitungen kümmern und hoffe auf gute Gespräche mit den Berliner Wasserbetrieben, die in Person von Vorstandsmitglied Frank Bruckmann mit am Tisch sitzen. Dieser stellt sein Unternehmen vor: „Wir können nicht alles, aber Wasser und Abwasser können wir.“ Stroedter setzt ganz auf die Wasserbetriebe, um die Missstände abzuschalten. Sie gehören seit einigen Jahren wieder zu 100 Prozent der Stadt Berlin und werden von ihm als Sprecher der Landesbeteiligungen mitgesteuert. Aber noch haben die Wasserbetriebe nicht die Kontrolle in diesem Gebiet. Verhandlungen zur Übernahme der Infrastruktur und erste Maßnahmen sind angelaufen.

Der SPD-Fachmann in der Reinickendorfer Bezirksversammlung, Ulf Wilhelm, erklärt nach der Sitzung im Einzelgespräch: „Hier wird nicht im Sinne der Menschen gehandelt“ und kritisiert die zögerliche Haltung des Bezirksbürgermeisters von der CDU. „Herr Balzer steuert diese Angelegenheit nicht gemeinsam mit den Bewohnern.“ An diesem Abend wird erneut gefordert, dass der Bezirk die Straßen mit der Wasserversorgung in die öffentliche Hand übernimmt. Diese wollen sich zunächst um das alte Pumpwerk kümmern, damit es einwandfrei funktioniert.

Für den Augenblick fordern Bewohner zumindest, dass es im Notfall eine zuverlässige Anlaufstelle gebe, die sich um Defekte kümmere. Stroedter wendet sich direkt an Roland Türk und verlangt vehement, sofort eine solche Möglichkeit einzurichten. Dieser verspricht Abhilfe für den Fall, dass mal wieder „fließend Wasser im Keller“ sei, wie der Moderator des Abends humorvoll einstreut.

Christian Palluth ist vor einem halben Jahr mit seiner Ehefrau in die Cité Guynemer gezogen. Eigentlich fühlen sie sich ganz wohl hier, aber man „erwartet doch nicht solche Schwierigkeiten“ mitten in Berlin. Er will jetzt erst einmal anfangen, im Club Boule zu spielen. Auch das haben die Franzosen hier vor einem Vierteljahrhundert hinterlassen. bs

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