„Knast“ und „Knackis“ – Geschichten aus der JVA

Ein ehemaliger Gefangener liest aus seiner Anthologie im Gemeindesaal von St. Bernhard

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Tegel – Helmut Kühn hat seine erste „Knast“-Geschichte gerade zu Ende gelesen und räuspert sich. Da kommt von einem älteren Zuhörer aus der vordersten Reihe ganz unverblümt die Frage: „Wofür hast du denn gesessen?“ Der Moderator dieser Lesung im Gemeinderaum der katholischen St. Bernhard Kirche ist Pfarrer Stefan Friedrichowicz. Er ist Seelsorger in der Justizvollzugsanstalt Tegel und erfahren in diesem Milieu. Er weiß, dass der Frager auch ein ehemaliger „Knacki“ ist, trotzdem winkt er ab: „Diese Frage gehört hier nicht her.“

Eine Grundregel von Friedrichowicz im Umgang mit Strafgefangenen lautet: Jeder erzählt das, was er erzählen möchte. Mehr nicht. Untereinander sprechen sie von „Knast“ und „Knackis“. Sprache spielt eine große Rolle. Kühn liest aus der Kurzgeschichte „Zuchthaus“. Der anonyme Autor macht sich lustig über den Knast-Slang. So sagen Vollzugsbeamte zu Gefangenen nicht: „Sie haben heute Besuch“, sondern „Sie haben Sprecher“. Alle 51 Geschichten in den beiden Bänden „Schutz-Los, Literatur aus der JVA Tegel“ kommen von Strafgefangenen oder Entlassenen.

Im Gemeindesaal haben sich zur Lesung 15 Zuhörer unter einem schlichten Holz-Kreuz versammelt, um zuzuhören und Fragen zu stellen. Friedrichowicz kennt die meisten und sagt, dass etwa fünf Ex-Gefangene im Publikum seien. Diese machen aus ihrer Vergangenheit im Gespräch kein Geheimnis. Der freundliche Herr hinter der Theke bedient mit Wasser, Wein, Schmalzbroten und sauren Gurken. Seinen Namen möchte er nicht nennen, erzählt aber im Pausengespräch, dass er 18 Jahre und neun Monate im Gefängnis gewesen sei. Ein Taschendieb bekommt weniger.

Entgegen dem kritischen Tenor über Gefängnisverwaltung und Vollzugsbeamte in den Kurzgeschichten berichtet der Barkeeper von positiven Erfahrungen hinter Gittern. Er habe viel über seine Tat und was ihn dazu gebracht habe nachgedacht. Er spricht von „Schuld“ und „wertvoller Zeit“. Die katholische Seelsorge habe ihm geholfen und zwei Damen von „Freie Hilfe Berlin e.V.“ Am Ende des Gesprächs schaut Pfarrer Friedrichowicz vorbei, um sich vorübergehend zu verabschieden. Resolut fragt der Ex-Sträfling: „Aber zum Abwasch sind Sie wieder da?“ Der Pfarrer nickt.

Nach der Pause geht es weiter mit Kurzgeschichten von Häftlingen und Entlassenen. Kühn liest die Erzählung über „Junkie Jens“. Ihn treibt die tägliche Suche nach Drogen im Gefängnis um, bis er auf die Ersatzdroge Subutex gesetzt wird. Die Geschichte ist schon drastisch, aber nichts gegen die Ergänzung von einem Zuhörer. Er berichtet, dass Subutex nur flüssig verabreicht werde, um so eine Weitergabe und den Handel mit dieser Droge zu verhindern. Er weiß aber von Fällen, dass Häftlinge die Substanz im Mund behalten haben, bis sie sie unbemerkt ausspucken und dann weiterverkaufen konnten.

Nach der Lesung raucht Kühn in der kalten Winternacht eine Zigarette und ist gesprächsbereit. Er will mit seinen Büchern zu „Nachdenklichkeit“ anregen, was da hinter dicken Mauern mitten in Tegel „täglich passiert“. Er selbst habe schon seine Biografie geschrieben, die aber noch nicht veröffentlicht sei: „1000 Seiten gelebter Psycho-Thriller.“ Als studierter Betriebswirtschaftler habe er 20 Jahre ganz normal für eine Wohnungsgesellschaft gearbeitet, bis sich „nach dem Abend“ ganz plötzlich alles verändert habe. „Ja, es gab einen Toten“, räumt er ein. Mit der Mordanklage wollte er sich aber nicht abfinden. Nach sechs Jahren und neun Monaten sei er wieder freigekommen. Jetzt ist er Schriftsteller.

bs