Wo ist denn nur der Zehnender geblieben?

Kleine Geschichten aus Frohnau: Hirschkopf am Kasinoturm wurde seines Geweihs beraubt

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In der vorigen Ausgabe der RAZ hat Ihnen der Frohnauer Klaus Pegler interessante Einblicke in die Geschichte des Kasinoturms eröffnet. Heute geht es um ein spannendes Detail des Bauwerks – für den Autor ein Ärgernis mit vielen Fragezeichen.

Die Kugelläuferin, der Bär und auch noch der Hirschkopf! Alle drei Frohnauer Wahrzeichen hat, wie es scheint, ein schlimmes Schicksal ereilt. Das Original der Kugelläuferin, die 1931 unter den Händen des Bildhauers Otto Maerker das Licht der Welt erblickt hatte, musste 1942 als Material für die NS-Rüstungsindustrie herhalten. 

Robert Hegers steinerner Bär wurde vom Zeltinger Platz in die Wiltinger Straße verbannt und dort im Jahre 2007 von einem Auto umgerissen. 

Hirschkopf mit echtem Zehnenders

Und der Hirschkopf am Kasinoturm wurde zuletzt auch noch seines Geweihs beraubt! Dabei ist er bei weitem die älteste Frohnauer Sehenswürdigkeit. Seine Geschichte beginnt mit der des Kasinoturms, der in den Jahren 1909 bis 1910 erbaut wurde. Nicht jeder Frohnauer weiß, dass der Skulptur seinerzeit das Geweih eines echten Zehnenders aufgesetzt worden ist. Der dazugehörige Rothirsch soll im kaiserlichen Hofjagdrevier im Norden von Frohnau erlegt worden sein. Dort gab es zu Kaisers Zeiten reichlich Rehe, Hirsche und Damwild. Nun erzählt man sich, dass eines Tages der Frohnauer Malermeister Krause den bemerkenswerten Auftrag erhielt, das Hirschgeweih, das sich ja nun in luftiger Höhe befindet, zu konservieren. Als der Malermeister zur Tat schreiten wollte, hatte der damalige Kasinowirt Jacobi das dazu nötige Öl bereits erhitzen lassen, und alles war bereit. Doch dann erwies sich die Malerleiter als um einiges zu kurz. Was jetzt geschah, wird verschieden erzählt. 

„Ihr hängt mich ja auf!“

Nach Krauses Version habe man dem auf der Leiter Stehenden aus einem Turmfenster einen Strick zugeworfen, um ihn weiter hinaufzuziehen. Doch habe man die Gelegenheit wahrgenommen, um ihm einen bösen Streich zu spielen. Der Strick habe sich nämlich nicht um seine Schultern, sondern um seinen Hals gelegt. Und jetzt habe sich die bei der Aktion anwesende Polizei nicht als Freund und Helfer erwiesen, sondern begonnen, an dem fehlgeleiteten Strick zu ziehen. Voller Angst habe er daraufhin zum Turmfenster hinauf gerufen: „Zieht man bloß nicht, ihr hängt mich ja auf!“ 

Natürlich ging die Sache gut aus. Die Freiwillige Feuerwehr griff ein und stellte ihre ausreichend lange Leiter zur Verfügung. Jetzt war es für Krause keine große Sache mehr, seinen Auftrag auszuführen – und zwar in Qualitätsarbeit, wie es sich für einen Meister geziemt. 

Bei der Renovierung lief einiges schief

So weit, so gut. Doch als im Jahre 2017 der Kasinoturm renoviert wurde, scheint einiges schief gelaufen zu sein. Man hatte ihn zwar nach der bewährten Technik des weltbekannten Künstlers Christo verhüllt, doch half das dem armen Hirsch nicht. Die Skulptur wurde von oben bis unten bekleckert und das Geweih anscheinend ebenso. Als jedenfalls die Hüllen fielen, bemerkten aufmerksame Spaziergänger, dass das zuvor sorgsam gehütete Hirschgeweih verschwunden war. Jetzt rätselte man, ob es zur Reinigung abmontiert worden war oder ob die Bauarbeiter es gar beschädigt hatten, was eine langwierige Restaurierung erfordern würde. Auf alle Fälle bleibt wohl einiges zu tun, bis Frohnaus ältestes Wahrzeichnen wieder in voller Schönheit vom Kasinoturm grüßt.