Freitag, 30. September 2022
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„Zum Teil unter aller Sau“

„Zum Teil unter aller Sau“

Bezirk – Radfahren bewegt. Nicht nur die Beine, sondern auch Geist und Gemüt. Der Beitrag „Neue Allianz für Radfahrer?“ (RAZ 20/17) rief etwa auf Facebook eine ganze Reihe an Reaktionen unterschiedlicher Couleur hervor. Radfahren in Reinickendorf – das Thema ist und bleibt heiß.

Gegenseitiges Verständnis zwischen Auto- und Radfahrern? Daran hapert es, wie die vielen Diskussionen auch an anderer Stelle im Netz schon oft gezeigt haben. „Wie Hund und Katze“ – so beschrieb die RAZ bereits im Frühjahr 2015 das Verhältnis der beiden fast schon „verfeindeten Gruppen“. Ein gutes Beispiel sind drei aktuelle Einträge zur Situation gegenüber von Kaufland in der Ollenhauerstraße. Eine Radfahrerin schreibt: „Ich ärgere mich ständig darüber, dass ich dort auf die Straße fahren muss.“ Ein anderer: „Hauptsache es werden nicht wieder nur Linien auf die Straße gepinselt. Einfach mal den vorhandenen Radweg sanieren, ausbauen und nicht in den Straßenverkehr lenken. Gerade vor Kaufland ist in letzter Zeit schon genug passiert, nicht nur Radfahrer sind da nicht sicher.“

Ein offensichtlicher Autofahrer hat eine andere Meinung: „Kernfrage ist doch, die Fahrradwege in der Ollenhauer Straße gibt es seit Jahren. Wieviele Unfälle sind dort schon passiert, oder sind es nur Mutmaßungen. Wir alle können die Welt sicherer machen, da gibt es zwei Möglichkeiten: Rammschutzzaun zwischen Straße, Rad- und Fußgängerweg oder gegenseitige Rücksichtnahme.“

Wir plädieren für Letzteres. Kernfrage aber ist nicht, dass es die „Fahrradwege“ seit Jahren gibt, sondern dass eine Änderung der Verkehrsführung dringend geboten ist. Seit Jahren istdas auch den Behörden bekannt, aber deren Mühlen mahlen ja bekanntlich noch langsamer als die Kurbeln bei untrainierten Radler-Beinen.

Der Zustand vorhandener Wege ist ein weiteres Thema. „Die sind zum Teil unter aller Sau“, so eine Frau. „Mindestens 30 Jahre alt, unterwurzelt und zu schmal. Eine Sanierung und neue Konzepte müssen her.“ Ein Hermsdorfer schaut vor die eigene Hautür: „Bei uns sind die Nebenstraßen oft gepflastert und holprig, da müsste viel gemacht werden, um diese fahrradtauglich zu gestalten. Aber die Idee ,Fahrrad weg von den großen Straßen‘ finde ich prima. Ist dann aber wohl – gerade für Schulkinder – mit Umwegen verbunden.“

Eine Frau beschäftigt sich mit der Residenzstraße, die mit ihrem Hochbordradweg zwischen Fußgängern und Autos ohnehin ein großes Unfallpotenzial birgt: „Aber auch am südlichen Ende der Residenzstraße ist die Radweg-Situation mehr als unübersichtlich. Er ist zum Teil unterbrochen von Bäumen. Oder soll man hier auf der Straße fahren? Ich tu’s auf jeden Fall.“ Und dürfte dafür nicht den ungeteilten Beifall der Autofahrer-Fraktion ernten, die ja – was die Benutzungspflicht von Radwegen betrifft – nicht immer ganz verkehrsregelfest ist.

Manche Einträge zeugen auch einfach von, sorry: Ahnungslosigkeit. Ein Beispiel: „Der Eichborndamm wurde doch erfolgreich verstümmelt. Tausende Euro aus dem Fenster geworfen, um unsinnige EU-Vorschriften zu realisieren. Einfach grauenvoll für Autofahrer und Fahrrad-Künstler.“ Verstümmelt? Unsinnige EU-Vorschriften? Grauenvoll für Autofahrer und Fahrrad-Künstler? Was meint der Autor damit? Für Radfahrer ist das Teilstück des Eichborndamms zwischen Miraustraße und Nordgraben mit den neuen Radstreifen eine schöne Sache. Und Autofahrer haben unter der Verengung der für sie reservierten Fahrbahn kaum zu leiden, so hoch ist das Verkehrsaufkommen nicht, dass es zwei Spuren in jede Richtung geben müsste.

Verkehrsplaner sind sich längst einig, dass Hochbordradwege ein Auslaufmodell sind und der Radverkehr auf die Straße gehört. Auch in Berlin, das laut ADFC zu den fahrradunfreundlichsten Städten in Deutschland zählt und Platz 36 von 39 Städten belegt.  Der Rot-Rot-Grüne Senat will in dieser Legislaturperiode 200 Millionen Euro in die Rad-Infrastruktur investieren, um das zu ändern. Denn Radfahren bewegt – und ist ganz nebenbei auch noch ziemlich gesund

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