Freitag, 30. September 2022
Start Panorama Verkehrskollaps in Nordberlin?

Verkehrskollaps in Nordberlin?

Verkehrskollaps in Nordberlin?

Bezirk – Bereits 2014 war die Sanierung der Autobahn A 111 geplant. Doch die Bauarbeiten wurden immer wieder verschoben. Der Grund: Der Masterplan „Bauen und Verkehr“ wird erst 2018 fertig (Die RAZ berichtete). Dadurch treffen nun gleich mehrere Baumaßnahmen im Jahr 2021 aufeinander: Die Autobahn soll voraussichtlich im Jahr 2021 zur Großbaustelle werden. Zur selben Zeit plant die BVG die Grundsanierung der U-Bahnlinie U6 zwischen Alt-Tegel und Kurt-Schumacher-Platz, und auch die S-Bahnlinie S 25 wird für den Bau eines zweiten Gleises zwischen dem S-Bahnhof Tegel und Schönholz für längere Zeit stillgelegt. Ein Verkehrschaos ist programmiert, wenn der Berliner Norden zu einer Großbaustelle avanciert. Es kommen also harte Zeiten auf die Reinickendorfer zu. Dann ist eine große Prise Geduld ist notwendig, um die Bauphasen zu überstehen.

Baustelle Autobahn A 111: Diese verläuft im Nordwesten Berlins und verbindet den Berliner Ring (A 10) vom Autobahndreieck Oranienburg mit dem Stadtring (A 100) am Dreieck Charlottenburg. In Berlin müssen 13,3 Kilometer vierspurige Autobahn saniert werden. Hinzu kommen neben der Rudolf-Wissell-Brücke und der Westendbrücke insgesamt 49 Brücken-, Tunnel- und Trogbauwerke, 85 Verkehrszeichenbrücken sowie 93 Lärmschutz- und Stützwände, die sich auf der Strecke befinden. Zu den Baumaßnahmen gehören auch die Tunnel Beyschlagsiedlung, Forstamt, Tegel Ortskern und der Flughafentunnel, der im Jahr 2007 komplett entkernt und saniert wurde.

Laut DEGES, der Deutschen Einheit Fernstraßenplanungs- und –bau GmbH, werden die ersten Baumaßnahmen 2021 starten. Die Kosten von rund 700 Mio. EUR werden vom Bund und dem Land Berlin getragen. „Derzeit werden rund 260 Ingenieurbauwerke, zum Beispiel Brücken und Tunnel, im Zuge der A 111 durch DEGES auf Schäden untersucht und begutachtet“, erklärt Lutz Günther, verantwortlich für die Kommunikation. „Erst im Ergebnis dieser Analyse wissen wir Genaueres zum Umfang der erforderlichen Arbeiten. Außerdem erfolgen in den nächsten Monaten weitere Verkehrsuntersuchungen und –planungen, unter anderem zu möglichen Umleitungsstrecken“, fügt er hinzu. Auch die weißen Punkte, die zwischen Tegel und Heiligensee in bestimmten Abständen die Fahrbahn schmücken, sind neu angebrachte Messstellen und gehören zu den Untersuchungen. Gearbeitet wird dabei mit Lasertechnik auch vom fahrenden Auto aus. Bis 2018 soll „ein integriertes Verkehrs- und Baukonzept“ vorliegen, das auch Umleitungen über Stadtstraßen berücksichtigt, wenn auf der Autobahn abgerissen und neu gebaut wird.

Doch auch danach ist das Verkehrschaos in der Stadt noch nicht beendet: Auf der anschließenden A 100 des Stadtrings folgen weitere Baustellen: So soll nach der Sanierung der A 111 die Rudolf-Wissell-Brücke abgerissen und neu aufgebaut werden.

Der Abgeordnete Tim-Christopher Zeelen ist fassungslos über die nun wohl siebenjährige Verspätung des Autobahnsanierung: „Im Jahr 2014 sollte die Autobahn A 111 als wichtigste Anbindung in Reinickendorf für Kfz umfassend saniert werden. Drei Jahre später ist immer noch nichts passiert“, schreibt er auf Facebook.

Sanierung U-Bahnlinie U 6: Wenn die Bauarbeiten an der U 6 zwischen Kurt-Schumacher-Damm und Alt-Tegel beginnen, sollten die Bauarbeiten an der A 111 eigentlich schon komplett beendet sein. Fakt ist, dass die BVG plant, den U-Bahn-Verkehr zwischen März 2020 und Dezember 2021 für eineinhalb Jahre zu unterbrechen. Grund ist die Erneuerung der oberirdischen Dammstrecke zwischen den U-Bahnhöfen Borsigwerke und Kurt-Schumacher-Platz. Hier gibt es immer wieder Setzungen. Außerdem muss die Brücke Seidelstraße wegen konstruktionsbedingtem Materialversagen neu gebaut werden. Erste Ausschreibungen hierzu gab es bereits. Des Weiteren werden Bahnsteige und Dächer der Stationen Scharnweberstraße und Holzhauser Straße erneuert.

Baustelle S-Bahnlinie S 25: Im Mai 2020 soll die S-Bahnlinie im Berliner Norden zwischen dem S-Bahnhof Schönholz und Tegel eine neue Sicherungstechnik erhalten, die im Herbst 2021 in Betrieb genommen wird. Außerdem ist ein zweites Gleis geplant, um den von Hennigsdorfern und Reinickendorfern schon lange geforderten Zehn-Minuten-Takt fahren zu können. Das könnte dann erstmals im Jahr 2026 der Fall sein.

„Die erheblich einhergehenden Verkehrsbeschränkungen muss man hinnehmen, wünschen sich die Reinickendorfer doch schon seit vielen Jahren eine Sanierung der Autobahn“, äußerte sich Reinickendorfs Baustadträtin Katrin Schultze-Berndt zu den Planungen für die A 111-Sanierung.  „Nicht hinzunehmen wäre jedoch eine gleichzeitige Sanierung von Autobahn, U-Bahn und S-Bahn. Das würde den Verkehrskollaps für den Norden Berlins bedeuten. Hier ist eine Koordination zwischen Senatsverwaltung, BVG, S-Bahn und Verkehrslenkung Berlin unverzichtbar – und sie muss auch möglich sein – die Bauvorhaben sind lange genug vorher bekannt“, fügt sie abschließend hinzu.

In diesem Zusammenhang wagt die CDU mit einem Antrag in der Bezirksverordnetenversammlung wieder einen erneuten Vorstoß für eine Rücknahme der Entwidmung der Ruppiner Chaussee zwischen Karolinenstraße und Am Tegelgrund. Der Wahlkreisabgeordnete und Vorsitzende der CDU Heiligensee, Konradshöhe und Tegelort, Stephan Schmidt, erklärte: „Immer wieder werden wir auf das Ärgernis angesprochen, dass bei Sperrung eines der Tunnel auf der A 111 der Umleitungsverkehr durch Heiligensee geleitet wird. Dabei existiert ja noch die alte Ruppiner Chaussee, über die der Umleitungsverkehr geleitet werden könnte. Als Begründung auch gegen eine zeitweise Öffnung wurde immer angegeben, dass die Straße im Zuge der Gerichtsverfahren um den Bau der Autobahn in den 1980er Jahren entwidmet wurde. Wir wollen nun prüfen lassen, wie das rückgängig gemacht werden kann.“

Die CDU-Bezirksverordnete Sylvia Schmidt, ergänzt: „Über das entwidmete Teilstück fährt immer noch der Bus, das heißt, es gibt eine funktionierende und asphaltierte Trasse. Die Straße soll nur durch die Polizei im Bedarfsfall freigegeben werden können und ansonsten weiter für den Durchgangsverkehr geschlossen bleiben. Das würde hunderte Heiligenseer von Abgasen und Lärm bei Tunnelsperrungen entlasten.“

Dabei gilt die Schließung der Straße als Umweltausgleich zur Öffnung der Autobahn. Ob dies nun einfach übergangen werden kann ist fraglich – ebenso, ob bei der Sanierung der A 111 durch Öffnung der Ruppiner Chaussee das Verkehrschaos ausbleiben würde. fle

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