Freitag, 30. September 2022
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Die beste Schule für das Leben

Die beste Schule für das Leben

Bezirk – Sie kam, als die Mauer noch stand. Eleonora Alexandrova Meyden war gerade volljährig, als sie in Ost-Berlin eine Freundin besuchte. Nach ein paar Tagen sollte es zurück in ihre Heimat nach Sofia gehen, der Hauptstadt von Bulgarien. Aber es kam alles ganz anders. Die junge Eleonora, die eine klassische Ausbildung als Ballerina genossen hatte und Ballett und Pädagogik studierte, begleitete ihre Freundin zum Training und machte mit. Das beobachtete der Regisseur des Friedrichsstadtpalastes und war angetan von dem, was er da sah. Eleonora erhielt kurz darauf ein Angebot des international renommierten Hauses, ihr Leben bekam eine unerwartete neue Wendung.

„Erst wollte ich nicht, ich war ja noch so jung, schüchtern und verängstigt in der großen fremden Stadt und dem komplett neuen Umfeld“, erzählt die heute 48-Jährige. Wir treffen sie hoch über der Stadt in der Dachetage des Soho House, einem Business Member Club  an der Torstraße in Mitte. Am Nachbartisch sitzt Andreas Bourani, der 2014 den WM-Hit „Auf uns“ gesungen hat. Das passt schon von der Symbolik her, denn hoch hinaus führte sie auch ihr beruflicher Weg. Den lässt sie nun gegenüber dem Fernsehturm am Alex Revue passieren.

Im Herbst 1989 hatte sie ihren ersten Auftritt im Friedrichsstadtpalast. Es war der 9. November, als plötzlich das Publikum beinahe fluchtartig den Saal verließ. „Ich habe geglaubt, ich hätte etwas falsch gemacht“, lacht sie. Die Vorstellung wurde abgebrochen. „Ich habe erst nicht verstanden, was los ist. Ich fuhr mit der S-Bahn nach Wartenberg, wo ich eine kleine Wohnung hatte. Die Züge, die mir entgegen kamen, waren brechend voll. Meine Mama hat mich angerufen und gefragt, ob mit mir alles in Ordnung ist.“ Natürlich war es das: Es war der Tag, an dem die Mauer fiel.

Für die junge Bulgarin wurden aus zunächst angedachten einigen Monaten in Berlin inzwischen 28 Jahre in Deutschland. Sie war auch einige Zeit in München, wo sie Public Relations und Marketing studierte. „München hat mich auch zu manchen Projekten inspiriert, aber mein Herz, das gehört Berlin. Die Stadt hat mich verhext.“ Auch deshalb hat sie Angebote, etwa aus Las Vegas und sogar vom Lido in Paris ausgeschlagen.

Und einen Koffer hat sie auch in Reinickendorf. Denn in den Fuchsbezirk kommt die in Mitte wohnende schwarzhaarige Frau regelmäßig. Sie gibt Tanzkurse für Kinder und Erwachsene  im Atrium im Märkischen Viertel, sie ist Choreographin verschiedener Musicals. Zuletzt von „Cats“ 2016 und „Oklahoma“, das im Oktober 2017  aufgeführt wurde, und das Publikum zu Begeisterungsstürmen hinriss.

Ihr zweites Standbein sind choreografisch und pädagogisch erstellte Mental- und Körpersprache-Trainingskurse für Führungskräfte und Mitarbeiter in der Wirtschaft und erlebnispädagogische Kurse an einigen Einrichtungen für schwer erziehbare und abhängige Jugendliche sowie mehreren Universitäten. „Ich frage die Studenten: Geht es dir nur ums Geldverdienen oder auch darum, etwas zu entwickeln? Menschen zu einer positiven Persönlichkeitsentwicklung zu führen, darin liegt meine Leidenschaft“, sagt sie. Ihr Konzept hat sie schon erfolgreich an mehrere Hochschulen und Universitäten in Berlin, Hannover und Braunschweig vermittelt. Es ist aber eine Pionierarbeit, welche sich nicht jede Universität oder Hochschule leisten will.

Eleonora Alexandrova Meyden, die mehr als 20 Jahre als Solotänzerin und Primaballerina das Publikum im Friedrichsstadtpalast begeisterte, staunt immer wieder, was bei den Schülern an brachliegendem Potenzial freigesetzt werden kann. „Da passieren unglaubliche Entwicklungen. Es ist sensationell, wie die Kinder im Atrium ihre Neugierde ergründen, eigene Grenzen finden und mit vollem Enthusiasmus lernen zu überspringen. Sie blühen regelrecht auf.“ Tanzen sei eben viel mehr als nur Bewegung, es gehe um Zielsetzungen, um die Psyche, um mentales und körperliches Gleichgewicht, um Disziplin und Ästhetik. „Eine bessere Schule für das Leben gibt es nicht“.

Seit einiger Zeit geht sie auch mit Unterstützung der Musikschule Reinickendorf in Flüchtlingsheime. „Da erlebe ich die tollsten Sachen“, sprudelt es aus ihr heraus. „Während die hier aufgewachsenen Kinder meist Distanz halten, kommen die Flüchtlingskinder auf dich zu und müssen dich umarmen.“ Eigentlich bedauert Eleonora, die fast ausschließlich mit dem Fahrrad unterwegs ist, nur eins: „Dass der Tag nur 24 Stunden hat.“ Immerhin eine davon hat sie der RAZ geopfert. Danke dafür.

Gefundene Standorte im Beitrag | Berlin, Reinickendorf