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Montag, 17. Januar 2022
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Psychiatrie über das Internet?

Psychiatrie über das Internet?

Reinickendorf – Es gab Tage im Leben von Kristina Wilms, „da hätte ich nur heulen können“. Manchmal ging es ihr so schlecht, dass sie nicht mehr leben wollte. 2012 verbrachte die heute 29-Jährige zehn Wochen in einer Klinik, Kristina Wilms verstand, dass „chronische Depression“ eine Krankheit ist, die man wenn vielleicht nicht immer heilen, dann wenigstens abmildern kann. Sie schaffte es, mit ihren depressiven Phasen umzugehen. Und sie entwickelte eine App, die anderen psychisch Erkrankten helfen soll.

Darüber erzählte die junge Frau vor rund 80 Interessierten am 10. Oktober in der Baptisten-Gemeinde in Alt-Reinickendorf 32. „Psychiatrie online? Nutzen – Chancen – Risiken“ war der Titel der zweieinhalb Stunden dauernden Veranstaltung, die im Rahmen der 11. Berliner Woche der Seelischen Gesundheit als eine von 150 Events in ganz Berlin angeboten wurde. Federführend für den Nachmittag in der Baptisten-Gemeinde war der Gemeindepsychatrische Verbund (GPV) Berlin-Reinickendorf. Information, aber auch Unterhaltung stand auf dem Programm. Lustiges und Skurriles vom Mut Art Labor, einem Improvisationstheater unter der Leitung des Schauspielers Harald Polzin, rundete die Veranstaltung ab. Zudem konnte man sich einen Überblick über die vielfältigen Hilfsangebote für psychisch beeinträchtigte Menschen in Reinickendorf verschaffen.

Den Nachmittag eröffnete Prof. Dr. Christiane Eichenberg, die Leiterin des Instituts für Psychosomatik an der Sigmund-Freud-Privatuniversität in Wien mit einem Überblick über „Chancen und Risiken moderner Medien für die psychiatrische Versorgung“. Immer mehr Menschen holen sich Rat im Internet, wenn sie meinen, etwas stimme nicht mit ihrem Körper. Ein Beispiel: Da hat jemand einen steifen Hals, fahndet im Internet nach Ursachen, und ein Ratgeber bringt als Möglichkeit sogar Krebs ins Gespräch. „Gesundheitsrecherche im Netz kann Ängste noch verschärfen“, sagt die Professorin.

Psychotherapie online ist in Deutschland nicht erlaubt, das müsse „von Angesicht zu Angesicht“ geschehen, aber das Verbot wird umgangen, „es nennt sich dann nur anders, etwa Online-Coaching oder Selbsthilfe. Aber das Internet wird klassische Beratungsstellen nicht ersetzen“, erläuterte Eichenberg. Für durchaus effektiv hält sie, wenn manche Programme mit einer zusätzlichen therapeutischen Anbindung versehen werden.

Sie kam auf Virtual-Reality-Anwendungen zu sprechen, die reale Ängste wie schwitzige Hände und Herzklopfen auslösen können, und zu deren Bewältigung herangezogen werden können. Etwa bei Tierphobien, Flug- oder Höhenangst. „Man muss die Leute nicht mehr auf den Kölner Dom schicken“, sagte die Professorin, Höhe könne man wirklichkeitsnah simulieren.

Christiane Eichenberg stellte ein Computerspiel für Sieben- bis 13-Jährige vor, die vielleicht Angst davor haben, im Dunklen zu schlafen, vor anderen zu sprechen oder auch nur Karussell zu fahren. „Serious Games“ nennen sich solche Spiele. Und schließlich kam sie auf die grassierende Internet-Sucht zu sprechen, wie Spielsucht eine so genannte Verhaltenssucht, die aber substanzgebundenen Süchten wie Drogen- oder Alkoholsucht sehr ähnlich sei. Von der Internetsucht sind übrigens mehr Mädchen als Jungen betroffen.

Und dann betrat Kristina Wilms die Bühne. Sie schilderte kurz ihren Leidensweg und wie sie damit umgeht. „Therapie findet ja nicht hinter der verschlossenen Tür des Therapeuten statt, sondern im wahren Leben.“ Sie hatte immer Zettel dabei, auf denen sie ihre jeweiligen Zustände aufschrieb. Und darauf stand auch, was sie machen sollte, „wenn ich nicht mehr aufhören kann zu weinen.“

Dann kam sie auf die Idee mit der App (www.aryaapp.co), mit deren Hilfe sich der Einzelne besser kennenlernen, seine Verhaltensmuster und Emotionen kontrollieren und Sicherheit gewinnen kann: Wie geht es mir? Wie fühlt sich mein Körper an und was sind meine Gedanken? Man protokolliert seinen Tagesverlauf, eine Art Gefühlstagebuch. Erkrankte entwickeln so einen Blick für bestimmte Situationen. Die Stimmungsprotokolle können dann an den Therapeuten übermittelt werden. Die App allein reicht nicht, ist aber ein nützliches zusätzliches Angebot. Und soll in Kürze das Qualitätssiegel für ein Medizin-Produkt erhalten. „Ich finde die App super, die Menschen wollen Unterstützung auch zwischen den Sitzungen beim Therapeuten“, sagte Prof. Dr. Christiane Ehrenberg. bek

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